Kein Drink zu hart, keine Frau zu leicht – Seite 1

Es ist durchaus beklagenswert, dass der wahre Playboy heute immer seltener angetroffen wird. Man muss schon Bücher lesen oder alte Filme schauen, damit er wieder zum Leben erwacht. Seine vielfältige Darstellung durchzieht die europäische Literatur, von Giacomo Casanovas Memoiren bis zu Guy de Maupassants Roman Bel Ami , der den parvenühaften Aufstieg des Unteroffiziers George Duroy schildert, umgeben von Geliebten, Geld und dem Dekor des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Man trifft ihn auf der Leinwand, verkörpert von französischen Lebemännern wie Alain Delon und Jean-Paul Belmondo . Außerhalb der Fiktion erlebte der Playboy seine Hochphase in den fünfziger und sechziger Jahren. 

Der vergnügungssüchtige Gentleman war der Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, der eine rigide Sexualmoral den Keuschheitsgürtel aufzwang. Der Playboy jagte im Cabriolet durch die Ferienlager der Reichen und Schönen: Man traf ihn in Rimini, in St. Tropez oder in Monaco, wo er in den besten Kreisen verkehrte, aber seltsam außerhalb stand, da er deren Moral und Wertvorstellungen nicht teilte. Er musste auch nicht blendend aussehen. Seine Attraktivität bekam er durch den Widerspruch zwischen seinem großbürgerlichen Habitus und einer großzügigen Verschwendung. Seine Kennzeichen waren Charme und Stilwille. Er war der moderne Legionär des Augenblicks.

Anders als der Hippie, der zwar ähnlich libertäre Beziehungsmuster bevorzugte, war der Playboy eine unpolitische Figur. Sein Lebenswandel ist kein Aufbegehren gegen einen herrschenden Zeitgeist, sondern begnügt sich mit der Feier des Glamourösen und Ausschweifenden, das sich andere versagten. Das schöne Leben in vollen Zügen mit allem, was damals so dazu gehörte. Die gut geschnittenen Anzüge, die Halstücher, die Zigaretten, Drinks und die Frauen. Wenn es etwas Trauriges in all dieser Lebensfreude gibt, dann, dass der Playboy eines niemals werden will: alt. Wenn dem Charme und der Verführungskunst plötzlich lichtes Haar und Falten entgegenstehen, wird es Zeit für ihn, den Absprung zu schaffen. Ewige Party und Jugend gibt es nur bei Oscar Wilde.

In den meisten anderen Fällen bevölkert der gealterte Playboy allenfalls als Fossil oder Karikatur die Klatschspalten der Zeitungen. Wie der Berliner Clubbesitzer Rolf Eden, der sich noch 80-jährig im Rolls Royce durch Berlin-Zehlendorf chauffieren lässt, mit gerade volljährig gewordenen Mädchen im Arm. Oder der "Mörtel" genannte Bauunternehmer Richard Lugner, dessen einzige Freude es zu sein scheint, sich silikongeplusterte Scheinprominenz zum Wiener Opernball einfliegen zu lassen. War der Playboy einst Inbegriff von Jugendlichkeit und Esprit, so bezeichnet er heute einen alten Mann mit viel Geld und zahlreichen weiblichen Bekanntschaften. Die damals weltgewandte Attitüde ist dem provinziellen Angebertum gewichen, das stets beobachtet von Bild -Zeitung und RTL-Ansagerinnen kommentiert und bestenfalls als Beitrag zur Sozialneid-Debatte verstanden wird. Heute gilt selbst ein Lothar Matthäus als Playboy, obschon er die eigentliche Schlüsselqualifikation vollends verfehlt: Er will sich binden. So schnell wie möglich, immer wieder.

Gunter Sachs alterte in Würde

Der jüngst verstorbene Gunter Sachs hatte den Wandel vom drahtigen Draufgänger zum betagten Charmeur in Würde vollzogen. Nach seinen Eskapaden verbrachte er mehr als 40 Jahre mit derselben Frau in Ehe, keiner wilden wohlgemerkt. Sein Ruf als Playboy, der er davor gewesen war, überlagert jedoch auch in den Nachrufen sein Vermächtnis als Kunstsammler und Fotograf. Das Leben mit dem Champagnerglas in der Hand hat offensichtlich nichts von seiner Faszination verloren, allerdings wirkt es wie aus vergangenen Zeiten. Sachs selbst sagte einmal, er gehöre zu einer "aussterbenden Gattung".

Heute, da das Glamouröse sofort mit Oberflächlichkeit assoziiert wird, erscheint der Playboy als überkommenes Modell. Bei schnellen Autos wird an die Umwelt und Ressourcenmangel gedacht, bei der obligaten Zigarette an die Gesundheitsschäden. In einer vom Verzicht geprägten Gesellschaft hat selbst James Bond, der wohl bekannteste fiktionale Playboy, mittlerweile einen Mentalitätswandel durchmachen müssen. Aus dem Geheimagenten, dem kein Drink zu hart und keine Frau zu leicht war, ist in den vergangenen Jahren ein normaler Actionheld geworden, wie man ihn aus Bruce-Willis-Filmen kennt. Der neue 007 robbt blutverschmiert in Unterhemd durch Lüftungsschächte und trauert seiner großen Liebe hinterher. Da stören Anzüge und wechselnde Geschlechtspartnerinnen nur.

Die Alten können nicht mehr, und um den Playboy-Nachwuchs steht es auch nicht gut. Wer ist denn überhaupt noch da? Da wäre Charlie Sheen, der als Quartalsirrer Millionen für Frauen und Drogen verschleudert, und seinen galoppierenden Verfall minutiös im Internet dokumentiert. Oder der ehemalige Lude Bert Wollersheim, der auf dem Trash-Sender RTL II seine mit Kitsch und Rüschen vermöbelte Villa vorführt. Bezog der wahre Playboy seine Eleganz noch aus einer gewissen Lässigkeit und Kultiviertheit, sind den Nachfolgern lediglich der Reichtum und dessen Verschwendung geblieben. Wenn der Playboy eine Sozialfigur des vergangenen Jahrhunderts war, ist ihr postmodernes Pendant im neuen Jahrtausend bestenfalls das It-Girl, das Weltgewandtheit mit Jetset verwechselt.

Falls man heute jedoch einen gut frisierten Mann im besten Alter sieht, der stolz sein Hemd weit geöffnet trägt, weiß man sicher: Das ist kein Playboy. Könnte aber Bernard-Henri Lévy sein.