Zu viel Beton vertreibt die Menschen – Seite 1

Wissen, um vorherzusehen, vorherzusehen, um handeln zu können: Das war für Auguste Comte, einen Vordenker der modernen Soziologie, selbstverständliche Leitlinie des wissenschaftlichen Arbeitens.

"Savoir pour prévoir, prévoir pour pouvoir"
Auguste Comte

Heute sind Sozialwissenschaftler viel zurückhaltender, wenn sie in die Zukunft blicken sollen. Der Reputationsverlust ihrer prognostisch bedeutendsten Disziplin, der Nationalökonomie, zeigt Wirkung. Schließlich haben deren Wortführer den Kollaps der Finanzmärkte weder voraussagen noch verhindern können.

Der Fall der politisch unbedeutenderen Stadtforschung mag anders gelagert sein. Sie genießt weder die politische Aufmerksamkeit der Nationalökonomie, noch leidet sie unter einem vergleichbaren Beratungsdruck. Dennoch nehmen die Gemeinsamkeiten mit der großen Nachbardisziplin zu, seit die Städte zum Austragungsort zentraler politischer Debatten in der Klima-, der Sozial- und der Integrationspolitik geworden sind.

Nur die Städte – so heißt es – seien als historisch bewährte Integrationsmaschinen in der Lage, die Folgen von sozialer Spaltung und Zuwanderung zu bewältigen, die die Globalisierung nach sich zieht. Nur die Städte als nachhaltigste Siedlungsform könnten die Mobilitäts-, Arbeits- und Lebensbedürfnisse des postkarbonen Wissenszeitalters bewältigen. Als empirische Grundlage dieser Konjunktive dient, dass sich in der Entwicklung europäischer Agglomerationsräume einige Trends ändern. Das wird in der These von der Renaissance der Städte zugespitzt.

Was sich ändert: Zwischen 2003 und 2009 hat die Bevölkerung in 40 von 77 deutschen Großstädten wieder zugenommen, nachdem jahrzehntelang vom "Ausbluten" der Städte geschrieben worden war. Doch inzwischen ist die Abwanderung ins Umland deutlich zurückgegangen. Zeitgleich ist in einigen, aber keineswegs in allen Städten auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten angestiegen. Daraus schließen manche, dass die Stadt als Lebensraum wieder entdeckt wird.

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Das quantitative Gewicht städtisch geprägter Großräume ist unbestritten. Selbst ohne die zahlreichen Kleinstädte einzubeziehen, wohnen 44,3 Millionen Deutsche in den sogenannten Metropolregionen, deren Kern aus 82 Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern besteht. Schon die vorhandene bauliche Infrastruktur macht eine nichtstädtische Zukunft unwahrscheinlich.

Das Bevölkerungsplus wird allerdings sehr viel stärker als durch eine rückläufige Wanderung ins Umland durch den Zuzug junger Erwachsener zwischen 18 und 30 Jahren bestimmt. Diese Altersgruppe ist auch die einzige, die mehr Zu- als Abwanderung aufweist. Es handelt sich dabei um eine zunehmend internationalisierte Bildungswanderung mit einem Anteil der nichtdeutschen Studenten von mehr als zehn Prozent.

 Vorne Friedrichstraße, hinten Ostsee

Die bevorzugten Zielorte der Jungen sind wie seit Jahrhunderten die alten Innenstädte. Dort suchen sie nicht nur Wohnungen und konsumieren dort, sondern sie tragen auch jenes urbane Leben in die Zentren, das Bürgermeister, Investoren und Stadttouristen als Neue Urbanität feiern.  

Doch rechtfertigt diese Trendskizze das Bild einer Innenstadtrenaissance? Es gibt Einwände. Im Unterschied zur Außenwanderung profitieren auch in den Referenzstädten der neuen Urbanität die weniger dichten und grüneren Außenbezirke mehr vom Ergebnis der innerstädtischen Umzüge als die Innenstadtgebiete. Nicht die Zentrums- sondern die Randwanderung bestimmt das Wanderungsmuster der Ortsansässigen. Das von Tucholsky beschriebene Muster der Wohnwünsche, das "vorne die Friedrichstraße und hinten die Ostsee" will, ist nach wie vor wirksam und wir wissen nicht, ob die zugezogenen jungen Urbaniten von heute nicht bald die Randwanderer von morgen sein werden.

Stadt ist ein Versprechen für gutes Leben

Ein weiterer Einwand bezieht sich darauf, wie groß das Potenzial für diesen urbanen Zustrom denn sei. Der Effekt, den beispielsweise die geburtenstarken Jahrgänge der 1980er Jahre in Ostdeutschland bewirkt haben, verliert an Wirkung. Nur ein starker Anstieg der ausländischen Studierenden und ein kräftiges Plus in der Abiturientenquote könnte dies ausgleichen. Schließlich gibt es für die an sich plausible Annahme, dass die Alten aus den infrastrukturschwachen Umlandregionen Westdeutschlands zurück in die Städte ziehen, bislang wenig empirische Belege.

Diese Kritik an der prognostischen Methode der Trendverlängerung ist keine Absage an Comte, handlungsleitende Verantwortung zu übernehmen. Im Gegenteil. Die Stadt als Siedlungsraum steht historisch für das Versprechen eines guten und freien Lebens. Um dieses Versprechen auch in Zukunft einlösen zu können, kann und muss die Stadtforschung lebensnahe Entwicklungspfade für ein Morgen aufzeigen, das durch Klimaveränderung, Globalisierung und knapper werdende fossile Ressourcen geprägt sein wird.

Verdichtung oder Grünflächen?

In dieser Zukunft haben die europäischen Städte eindeutig komparative Vorteile. Sie sind Zentren wissensbasierter Ökonomie und bieten die Chance, ohne Autos mobil zu sein. Ihre Bewohner haben über Jahrhunderte das schwierige Zusammenleben mit Fremden auf engem Raum eingeübt. Allerdings darf man sie nicht mit falschen Annahmen überfordern.

Eine solche falsche Annahme bestimmt derzeit das gemeinsame Handeln von Bürgermeistern, Planern und Investoren. Pate steht dabei die heilsbringende Erwartung an Energieeinsparung durch urbane Dichte. Sie gipfelt in der absurden These, dass die Städte umso "grüner" würden, je dichter man in ihnen Beton anhäuft. Als hätte nicht die Stadtgeschichte gelehrt, dass zu hohe Dichte und fehlende Frei- und Grünflächen eine wesentliche Ursache für Stadtflucht und Stadtumbau sind. Die Flucht aus der Enge zeitige zudem gewaltige ökologische Folgekosten, die von der Suburbanisierung über das Wochenendhaus bis hin zu den alljährlichen Massenfluchten aus den Großstädten in immer fernere Landschafts- und Naturräume ausgelöst werden.

Hier schließt sich der Kreis. Genauso wie die lebensferne Abstraktion des Menschen als homo oeconomicus, also als moralfreier Zweckoptimierer, ist der urbane homo sociologicus allzu häufig eine blutleere Abstraktion ohne evolutionäre Bindungen und Naturverhaftung. Beide Modellannahmen tragen zu folgenschweren Fehlern in der prognostischen Hilfestellung hin zu einem guten Leben bei. Vor allem deshalb verfehlen sie den von Comte formulierten wissenschaftlichen Auftrag.