Irgendwann fing es an zu knirschen. Erst zu bröseln, dann zu knirschen. Es bröselte aus unserer Garderobe, es rieselte aus den Hosenumschlägen und vom Haaransatz. Dann knirschte es in den Autotüren, im Abfluss von Küche und Dusche und irgendwann knirschte es auch in der Tastatur und beim Küssen. Was da knirschte, war oberbayerische Ackererde. Sie stammte von dem oberbayerischen Ackerstreifen, der seit einiger Zeit zu unserem Haushalt gehörte. Einem Haushalt wohlgemerkt, der sonst ganz harmlos im Münchner Westen beheimatet ist, zweiter Stock, Altbau, Balkon.

Dieser Balkon war eigentlich auch Schuld an allem, denn er ist nur etwa so groß wie ein Duschhandtuch. Als meine Freundin und ich (aus Platzmangel immer einzeln) dennoch anfingen, ihn mit Tomatentöpfen und Kräuterkästen zu bestücken, ergab sich noch ein weiterer bedauerlicher Mangel: Der Winz-Balkon zeigte nach Norden. Kein Sonnenstrahl streifte ihn und ohne Sonne tun sich Tomatensamen und sogar banale Radieschen recht schwer mit ihrer Lebensaufgabe. Es fehlte uns also deutlich an urbarem Land. Das Einzige, was dort im zweiten Stock keimte und stetig wuchs, war der Wunsch, irgendwo ein bisschen ernten zu dürfen. Wir waren keine Öko-Faschisten und nicht mal besonders nachhaltig angehaucht. Aber wir kochten gerne und wie jeder weiß, kocht man am besten mit der eigenen Zwiebel. Die alte Idee vom Schrebergarten beschäftigte uns dann genau so lange, bis wir die Wartezeiten für kinderlose, nicht in der Fabrik arbeitende Paare erfuhren. Was nützt das Radieschen im Jahr 2018?

Das war alles wohlgemerkt vor fünf Jahren und damit in einer Zeit, in der es den Begriff guerilla gardening noch nicht gab und das Magazin Landlust noch in der Nerd-Strick-Ecke des Bahnhofsbuchhandels lag. Die Stadt war auf unseren Wunsch nach ein bisschen eigener Erde also noch nicht gut vorbereitet und nur durch einen Zufall erfuhren wir von dem Acker in Seefeld in der Nähe des Ammersees . Uns waren die Begriffe Bauer und Acker zwar geläufig, nicht jedoch, dass diese Bauern ihr Feld manchmal auch an Hobbygärtner verpachteten. Ein kleiner Verein hatte das im Münchner Umland initiiert und ja, wir waren die ersten Städter, die dort nun vorstellig wurden und schließlich ein Namensschild bekamen. Dahinter lagen hundert Meter wüster Ackererde, vom Bauern zu einem sogenannten Bifang geschichtet, einem Erdwall, der aussieht wie ein Spargelbeet ohne Spargel.

Zwiebeln wollen neben Karotten und Zichoriensalat

Da hinein kam eines schönen Aprilsamstages also alles, was auf dem Balkon keinen Platz gehabt hatte: Blumensamen, Gemüsesamen, Kräutersamen und auch die seltsame Manufactum-Samenmischung mit längst vergessenen Dingsbumsrüben, die wir geschenkt bekommen hatten. Das Aussäen ist simpel: Der Finger bohrt nach Packungsempfehlung ein Loch, man lässt einen Samen hineinrieseln, Erde drüber, weiter, das ganze vierhundert Mal. Aber es zeigten sich auch erste Schwierigkeiten. Selleriesamen etwa sind so klein, dass es eine Pipette bräuchte, um sie einzeln im richtigen Abstand zu säen. Mein lässiges Einhand-Schüttel-System führte jedenfalls zu recht unbefriedigenden Ergebnissen.

Die Madame hatte in einer schlaflosen Nacht sämtliche Bio-Gartenbücher gelesen, die unsere Stadteilbücherei vorrätig hatte und war vollgepumpt mit kniffligen Öko-Antworten auf Fragen, die ich mir noch nie gestellt hatte: Welche Nachbarschaft bevorzugen welche Pflanzen , welche Allianzen sind förderlich und wo muss man Rettungswege für Nützlinge freihalten? Da gibt es die seltsamsten Erkenntnisse: Zwiebeln wollen neben Karotten und Zichoriensalat (!), Knoblauch wünscht sich allen Ernstes Rosen als Banknachbar und manche Kandidaten sind ganz schwer vermittelbare Einzelkämpfer, Sonnenblumen und Kürbisse zum Beispiel, die zapfen so viel Nährstoffe in ihre fette Brut, dass man rundherum lieber eine Bannmeile zieht. Angesichts des sehr langen, aber sehr schmalen Ackerstreifens, der uns zur Verfügung stand, waren diese Kombinationen derart kompliziert, dass wir etwa ab Ackermeter 24 aufgaben und einfach säten, was kam. Es wird ja auch so schnell und unwiderruflich dunkel auf dem Land.

Freunden in der Stadt, denen wir von unserer Scholle erzählten, erkundigten sich vorsichtig danach, ob wir einer Hippie-Kommune beigetreten wären. Andere kramten ihr notdürftiges Gartenwissen zusammen und ließen vernehmen, wir mögen uns vor Schnecken und Wasserknappheit schützen. Lustigerweise waren das genau die beiden Gefahren, die uns nie Sorge bereiten sollten. Wasser speicherte der fette Boden auch nach drei Wochen Juni-Dürre genug, was eine erleichternde Erkenntnis war. Wir sahen uns schon mit gefüllten Gießkannen im Kofferraum im Stop and Go auf dem Mittleren Ring. Schnecken trafen wir auch keine, obwohl unsere Salatmeile durchaus einladend und völlig schutzlos war – Schneckenkorn ist auf einem Bio-Acker verboten. Vielleicht war es den Schnecken einfach zu mühselig über die schartige Ackererde zu kreuchen, denn das war es uns auch. Jedes Wochenende schürften wir fortan nämlich auf Knien unsere Parzelle entlang und sortierten das Unkraut aus den Reihen, mit einer Geschwindigkeit von etwa zwei Metern pro Stunde. Bei Regen und weicher Erde geht das übrigens viel leichter, allerdings sieht man hinterher aus, als hätte man sich ohne Hände durch den Ural gegraben.