Seit mehreren Monaten gehe ich regelmäßig ins Fitnessstudio. Die Übungen an sich sind echt okay, der viel schwierigere Part sind die Pausen dazwischen. Wohin mit sich, wohin den Blick richten? Jedenfalls nicht herüber zu dem ekelhaften Strongest-Man-Typen mit den unfassbar kurzen Hot Pants, die locker zehn Zentimeter kürzer sind als meine Boxer-Shorts.

Also gucke ich in den Spiegel: Ernst, ein bisschen böse, aber nicht zu ernst, immer lässig. Ich wiege mich von einem Bein aufs andere. Total beiläufig rotiere ich mit dem Oberkörper in beide Richtungen um die eigene Körperachse. Nicht, dass ich mich der eigenen Muskeln versichern müsste, aber naja, sieht ja schon gut aus. Mal was trinken zwischendurch. Mit großer Geste Schweiß abwischen. Ich lasse den Blick durch den Raum schweifen, durch die anderen Adonisse hindurch. Dann wieder ein Satz Bankdrücken. Bei den letzten Wiederholungen verziehe ich das Gesicht und atme schwer. Und dann stehe ich wieder vor dem Spiegel: wiegen, rotieren, gucken.

Vor einigen Wochen habe ich begonnen, hauptsächlich semifreie Übungen zu machen. Je freier die Übungen, desto besser. Es wird dann mehr Stützmuskulatur beansprucht. Ich drehe also nicht mehr meine Runde durch die Geräte mit den geführten Bewegungen, sondern hänge in der Ecke mit den Hanteln, den sogenannten Multipressen und den schweren Jungs rum. Der Nachteil: Ich kann nicht mehr durch die Glaswände des Kursraums checken, ob bei den Teilnehmerinnen im Pilateskurs alles in Ordnung ist.

Mein Ziel ist es, bald in den Olymp meines Fitnessstudios aufzusteigen und nur noch komplett freie Übungen zu machen. Es sieht zur Zeit ganz gut aus: Das zweite Fass amerikanischen Protein-Pulvers ist beinahe aufgebracht und ich muss in der Dusche nicht mehr hin und her springen, um von Tropfen getroffen zu werden. Außerdem ist das T-Shirt, das mir in Größe S letzten Sommer schon etwas zu eng war, jetzt viel zu eng. Keine Frage, ich bin auf dem Weg zum Tier.

Ab und an treffe ich meinen persönlichen Kundenberater. Jedes mal, wenn er mich sieht, performt Ole zumindest ein cooles einäugiges Augenzwinkern, an guten Tagen kommt noch der ausgestreckte Arm mit dem ausgestreckten Zeigefinger hinzu. "Yeah, Champ", scheint er zu rufen.

Traumhaft. Ich bin angekommen, irgendwo.