Stadtstrand in Eisenhüttenstadt (Konzeptkunstarbeit von Pawel Althamer und Yevgen Samborsky)

Anderen ist das auch aufgefallen. Tom Hanks war im Winter hier, ließ sich zwei Stunden herumführen und nannte die Stadt anschließend in der David-Letterman-Show einen hinreißenden Ort . Die britische Band Spiritualized drehte ein Musikvideo, was wiederum den Rolling Stone zu der Bemerkung brachte, die Stadt gewinne allmählich an "popkulturellem Fame" . Der bekannte polnische Aktionskünstler Artur Żmijewski war nach einem Besuch derart begeistert, dass er fortan die Idee in die Welt trug, die Kraft der Großstadtkunst in Eisenhüttenstadt zu testen.

Alle Beiträge zu unserer Themenwoche "Lust auf Stadt" sehen Sie, wenn Sie auf dieses Bild klicken. © Tasos Katopodis/Getty Images

Ben Kaden sammelt solche Sätze. Vor zwölf Jahren hat er die Stadt Richtung Berlin verlassen, und noch immer betreibt er sein Blog über Eisenhüttenstadt . In der dazugehörigen Facebookgruppe diskutiert manchmal auch die Bürgermeisterin mit. Heimatverbundenheit? Interesse eines studierten Stadtsoziologen? Kaden ist schon beim nächsten Thema. Warum keine Landesgartenschau, fragt er. Warum kein Wohnheim für die vielen Studenten, denen die Berlin-Brandenburger Uni-Städte zu teuer werden? Wieso versucht man nicht, mit der Vergangenheit zu spielen? Warum will die Stadt unbedingt wie jede andere sein?

Kaden kämpft für die Stadt und er kämpft gegen sie. Sein Eisenhüttenstadt klingt wie ein Worpswede des Ostens. In diesem Juni betreute er ein Künstlerkollektiv der Berlin Biennale , das in einem leeren Laden einen öffentlichen Malerworkshop veranstaltete. Leinwand, Pinsel, offene Tür – und abends grillen, draußen auf der Hauptstraße.

Es fehlt das Personal

Sein Traum ist eine permanente Künstlerresidenz – ergebnisoffen und für die Künstler umsonst. Im Sommer versuchte Żmijewski das bereits mit einigen Künstlern. Doch die Stadt, klagt Kaden, nehme solche Geschenke kaum an. Im Vordergrund stehe das Sparen. Und sei das einmal nicht so, fehle oft der Wagemut. Diese Tage beginnt der nächste Versuch, zum großen Teil von den Künstlern selbst finanziert.

Kultur, das sei ein wichtiger Punkt, sagt die Bereichsleiterin Nowak und zählt auf: Ein Kino, ein Theater (jetzt auch für Konferenzen nutzbar), eine Stadtbibliothek, eine Musikschule, ein Feuerwehrmuseum, eine Disko. Doch man müsse angesichts der Schulden der Stadt priorisieren. Kürzlich hat sich der Trägerverein des renommierten Dokumentationszentrums für DDR-Alltagskultur wegen Unterfinanzierung aufgelöst. Könnte Eisenhüttenstadt nicht einen Teil seines vielen Freiraums künstlerisch zwischennutzen lassen? Interessanter Gedanke, sagt Nowak. Doch es fehle das Personal. Ähnlich antwortet die Verwaltung auf den Vorschlag, Eisenhüttenstadt solle sich als Weltkulturerbe bewerben. Man habe das geprüft, leider fehle für das Verfahren das Geld.

Den Zug, der aus der Stadt führt, kann man lange sehen, bevor er eintrifft. Minuten davor senken sich klingelnd die Schranken am Bahnhof. Ein paar Freiminuten für alle, zweimal die Stunde. Das Graffito wird jedenfalls kein Postkartenmotiv werden. Der Bahnhof wird demnächst saniert, Pendlerparkplätze und neue Bushaltestellen sollen entstehen. Wahrscheinlich wird er danach nicht weiter auffallen.