Mit dem Rad durch offene Türen

Nach Angaben der UN-Organisation UN-Habitat ist "nachhaltige Urbanisierung eine der größten Herausforderungen für die Weltgemeinschaft des 21. Jahrhunderts". Bis 2050 werden laut der Organisation rund sechs Milliarden Menschen in Städten leben. Diese Zahl – zusammen mit dem rapiden Klimawandel und der Begrenztheit von fossilen Brennstoffen – bedeutet, dass wir radikal überdenken müssen, wie wir unsere Städte gestalten und wie wir uns in ihnen fortbewegen wollen. Das Fahrrad scheint dabei eine offensichtliche Lösung zu sein: Weniger Verkehr, weniger Bedarf an Straßen, weniger Mineralölverbrauch, bessere Luft, mehr Bewegung. Trotzdem schaffen wie es nicht, uns von der Hegemonie unserer geliebten Autos zu verabschieden.

Warum nicht? Wenn es nur um Nutzen und Effizienz ginge – also die einfache Frage, wie eine große Menge an Menschen am besten von A nach B kommt – hätten wir vielleicht schon eine Fahrradgesellschaft; so wie sie vor 30 Jahren in Peking existierte. Doch inzwischen ist die Autokultur und mit ihr die regelmäßigen Verkehrsstaus auch dort präsent. Es geht also scheinbar nicht nur darum, wie man am besten von A nach B kommt. Wir müssen auch psychologische Faktoren bedenken, Wirtschaft und Politik sowie die Tradition und die Interessen von Stadtplanern. Dazu kommen Variablen wie Mode, Geschmack, Ästhetik, Stil und Identität – bis hin zu Subkulturen, die beeinflussen können, welche kulturellen Trends sich am Ende durchsetzen.

2010 habe ich die urbanBIKE Initiative gegründet, ein Design- und Forschungszentrum an der Parsons Designhochschule in New York. Dort versuchen wir, die unendlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, die das Fahrrad als Transportmittel in der Stadt bietet. Wir versuchen, das Fahrrad als eine Art Interface der Stadt zu sehen – eine Benutzeroberfläche, die bestimmt, wie wir unsere Umgebung wahrnehmen, zum Beispiel unser Stadtviertel. Wir sind überzeugt, dass eine Stadt, die auf das Fahrrad setzt, die Lebensqualität ihrer Bewohner immens steigert. Anders als der isolierte Autofahrer kommt der Fahrradfahrer automatisch mit seiner Umgebung in Kontakt, sei es mit anderen Menschen oder der Natur.

Praktisch und schick

Es gibt viele Beispiele für Fahrradkultur und erfolgreiche Fahrradprojekte, vor allem in skandinavischen Städten. Kopenhagen und das Copenhagen Wheel Project sind ein Paradebeispiel. Im US-Bundesstaat Minnesota versucht die Kampagne Pedal Minnesota die Fortbewegung per Fahrrad einfacher zu machen – für Einheimische ebenso wie für Touristen. Die Interessenvertretung Vélo Québec in Montreal hat der Stadt ein eigenes Fahrradverleihsystem beschert und die Stadt Portland hat gerade einen Plan für rund 1.000 Kilometer neuer Fahrradwege ausgearbeitet.

In New York sind es eher die Hipster, die mit ihren Single-Speed-Rädern und Fahrrad-Polo-Spielen dafür sorgen, dass Speichen und Pedale derzeit absolut im Trend liegen. Vordenker wie der Ökonom Richard Florida und Janette Sadik-Kahn, die Leiterin der New Yorker Verkehrsbehörde sowie Organisationen wie Transportation Alternatives kümmern sich eher um die politische und stadtplanerische Seite – und im März 2013 bekommt auch New York mit Citi Bike endlich ein Bikesharing-Programm.

Die Welt ist ständig in Bewegung

Alle Beiträge zu unserer Themenwoche "Lust auf Stadt" sehen Sie, wenn Sie auf dieses Bild klicken. © Tasos Katopodis/Getty Images

Vielleicht renne ich also offene Türen ein und das Fahrrad hat schon längst gewonnen. Doch das glaube ich nicht. Noch immer ist es für die meisten Menschen eher ein Fitnessgerät – oder eine Art Spielzeug oder Hobby, das man am Wochenende rausholt, um mit den Kindern einen Ausflug zu machen. Aber wie können wir es schaffen, dass nicht nur ein paar Hartgesottene tagein tagaus mit dem Fahrrad zur Arbeit pendeln?
Wie können wir erreichen, dass das Fahrrad das wichtigste Element unserer Mobilität wird?

Laut einer Studie der Alliance of Biking & Walking ist der US-Bundesstaat, der gemessen an seinem Verkehrsbudget am meisten für Fahrradfahrer und Fußgänger ausgibt, das kleine New Hampshire. Und selbst dort beträgt der Anteil gerade einmal 3,1 Prozent. Was wäre alles möglich, wenn wir diesen Anteil landesweit auf zehn Prozent anheben und mit dem Geld die Entwicklung und Umsetzung von innovativen Fahrradprojekten fördern könnten?

Bewegung verändert den städtischen Raum

Wer die Zukunft gestalten will, muss sich an die Jugend wenden – aus diesem Grund haben wir gemeinsam mit der Schulfahrradwerkstatt Recycle-A-Bicycle einen Jugendfahrradgipfel geplant. Er wird im Februar in New York stattfinden, wendet sich eher an die Jüngeren und soll dem Austausch zwischen den Generationen dienen. Beim wenig später stattfindenden National Bike Summit in der Hauptstadt Washington kommen dann auch die schon ergrauten Lobbyisten zum Zuge.

Tim Ingold, ein Anthropologe von der University of Aberdeen, schrieb: "Die Welt, wie wir sie erleben, ist ständig in Bewegung. Diese Bewegung entsteht ständig neu und wir bestimmen – durch unsere eigene Bewegung –, wie sie aussieht."

Wie wir uns durch den städtischen Raum bewegen, hat direkten Einfluss darauf, wie sich dieser städtische Raum verändert. Wir müssen uns im Klaren sein, dass unser Leben in der Stadt niemals einen fertigen Zustand erreichen wird, sondern immer im Umbruch ist. Um das Fahrrad als gesundes und praktisches Fortbewegungsmittel für Stadtbewohner noch attraktiver zu machen, dürfen wir es nicht als ein Artefakt betrachten. Wir müssen es vielmehr als System begreifen – am besten auf drei Ebenen: der des einzelnen, der von Institutionen und Gruppen und der von Politik und Stadtplanung. Auch viele kleine Projekte wie die in diesem Text beschriebenen können in der Summe eine große Veränderung bewirken.
 
Vor allem aber dürfen wir nicht vergessen, wie viel Spaß es machen kann, Fahrrad zu fahren. 

Aus dem Englischen übersetzt von Christoph Koch