Unsere Autorinnen Nana Heymann und Julia Decker sind Freundinnen. Heymann lebt in Berlin, Decker ist der Liebe wegen von München nach Österreich aufs Land gezogen. Für beide stellte sich vor einigen Jahren die Frage: Ist hier ein guter Ort, um ein Kind großzuziehen? Wie sie heute darüber denken, haben sie in zwei Briefen aneinander für uns aufgeschrieben. Dies ist die Antwort von Julia Decker an Nana Heymann. Deren Brief lesen Sie hier.

Liebe Nana,
spätestens im Oktober kommen wir zu Euch nach Berlin. Nach dem Sommer hier bei uns in der Idylle brauche ich dringend wieder Stadt, vor allen Dingen Menschen. Viele Menschen um mich herum, die ich alle nicht kenne.

Ich habe immer noch Zweifel, ob ich auf dem Land richtig aufgehoben bin. Ich habe ja nie gesagt: So, jetzt reicht es nach fast 35 Jahren Großstadt, jetzt brauche ich mal Natur und Ruhe. Ich lebe hier, weil ich meinen Mann hier getroffen habe und weil ich den Ort wunderschön finde.

Der Rammstein-Sänger Till Lindemann hat vor ein paar Wochen in einem Interview gesagt: "Alles Gute in meinem Kopf entsteht auf dem Land". Als ich es gelesen habe, hat mein Herz sofort einen Sprung gemacht. Nicht, weil ich Rammstein-Fan bin. Sondern weil wieder einer das Leben auf dem Land lobt. Ich sammele "Promis-sprechen-übers-Landleben"-Zitate, weil ich nicht jeden Tag gleich sicher bin, wie gut ich es hier oben auf dem Berg finde. Eine seltsame Variante der Absolutionssuche.

Du hast mich letzte Woche gefragt, ob ich Kleider von deinem Kind für meine zwei haben möchte, ich habe natürlich sofort ja gesagt. Aber ganz ehrlich: Ich brauche für die beiden eigentlich nichts außer Matschsachen. Oder alte Kleidung, die kaputt gehen und dreckig werden kann, ohne dass es schade um die schönen Sachen wäre. Die Kinder sind immer draußen und immer schmutzig.

Der Wald wird zum Abenteuerspielplatz 

Es ist schon so: Es ist wie im Bilderbuch bei uns. Jeder, der uns besuchen kommt, sagt sofort: "Ihr lebt in Bullerbü". Dieses Jahr hatte sogar der Bach bei uns am Haus den ganzen Sommer Wasser. Man kann Staudämme, Mühlräder oder Wasserfälle bauen.

Nachdem unsere Gäste unsere Idylle bestaunt haben, kommt dann aber immer auch sehr schnell:  "Wirklich toll hier – solange die Kinder noch klein sind. Aber in der Pubertät, hier oben auf dem Berg? Da geht Ihr schon wieder in die Stadt, oder?"
 
Bei Freunden aus Berlin habe ich mir neulich gedacht: Wie stellt ihr euch eigentlich die Pubertät von euren Kinder vor? Am Prenzlauer Berg, wenn in zehn Jahren die vielen Kinder, die jetzt in den Kinderwägen sitzen, pickelig und motzend durch das Viertel rennen? Sie in Horden rauchend auf den Spielplätzen herumlungern, auf denen sie jetzt Sandkuchen backen? Wenn ein ganzer Stadtteil nur noch aus genervten Teenager-Eltern besteht?

Ich weiß schon auch, dass das echte Leben, und auch das in der Stadt, viel härter sein kann als unser Alltag. Meine Kinder haben zum Beispiel noch nie einen Junkie oder einen Obdachlosen gesehen.

Wir nähern uns der Härte des Lebens in kindgerechten Dosen: Alle paar Wochen haben wir Beerdigungen, von den einzelnen Teilen der Blindschleiche, die in den Rasenmäher gekommen ist, vom Rotkehlchen, das die Katze erwischt hat oder von den Meisenküken, denen die Mutter kein Fressen mehr gebracht hat. Oder wir feiern den Abschied vom Pferd, das plötzlich nicht mehr beim Nachbarn stand, weil es einen schlimmen Husten hatte, und keiner einen Arzt geholt hat.

Vielleicht reicht das eines Tages nicht mehr und die Kinder brauchen zum Beispiel mehr Menschen um sich herum. Ist Kindheit in allem eine Übung fürs spätere Leben? Eigentlich nicht, oder? Aber was mein Kinder dringend üben müssen: Eine Straße mit vier Spuren zu überqueren. Am besten noch mit einer abbiegenden Straßenbahn. Wobei, wahrscheinlich wäre es für die beiden überhaupt kein Problem, nur ich selbst bin immer so nervös, wenn ich mit ihnen an Straßen entlanggehe, auf denen in der Stunde mehr als zehn Autos vorbeifahren. Also mehr Autos als bei uns daheim.

Wenn dann mal eines kommt, springen die Kinder zur Seite, rufen Achtung, auch wenn das Auto noch 200 Meter entfernt ist. Natürlich, ich war diejenige, die ihre Angst geschürt hat. Weil ich dachte, sie müssen mit Autos besonders vorsichtig sein, weil sie sie nicht gewöhnt sind.