Einatmen, 20.000 Mal am Tag. Mehr als zwölf Kubikmeter Luft saugen wir durch unsere Nasen in die Lungen und mit ihnen unzählige Geruchsmoleküle. Doch nur selten sind wir uns bewusst, was wir da aufnehmen. Die Landluft hat es immerhin an die Spitze der Geruchsstereotype geschafft. Von Kuhdung, Moderteich und Stinkmorchel schwärmt man besonders in urbanen Ballungsräumen. Erst wo die Welt nach geschnittenem Gras dufte, sei der Mensch ganz bei Sinnen.

Die Stadtluft gilt als schmutzig, verbraucht und ungesund. Doch wer ihr etwas Aufmerksamkeit schenkt, kann einiges erleben: Die Winde in den Häuserschluchten erzählen uns Geschichten über unser gesellschaftliches Zusammenleben, über Arbeit, Kinder, Ernährung, Hygiene, Architektur, Technik, Geschichte. Bloß hat eine durchschnittliche Menschennase kein Ohr für das Säuseln der Geruchsmoleküle. Ohne Umwege erreichen die Informationen aus der Luft unser limbisches System, das unsere Gefühle steuert. Wir reagieren also oftmals, ohne zu wissen, warum.

Im Lauf der Evolution haben wir unseren wichtigsten Sinn vernachlässigt und ins Unterbewusste sinken lassen. "Man nimmt die Umgebung zuerst mit der Nase wahr", sagt die Duftforscherin Sissel Tolaas. "Danach bestätigen die Augen, was die Nase schon weiß." Die Chemikerin widmet ihre Arbeit den Geschichten, die in der Luft liegen. Und sie möchte dazu beitragen, dass alle zuhören lernen .

Dünste des Lebens

"Jede Stadt hat einen Eigengeruch, eine Identität", sagt sie. Die Viertel ihrer Berliner Wahlheimat hat Tolaas mittlerweile duftkartografiert: Neukölln riecht, neben Döner, nach Weichspüler und Wäschetrockner – hier wohnen viele kinderreiche Familien. Charlottenburg hingegen nach Seifensauberkeit. Reinickendorf nach Sonnenstudio. Und aus dem S-Bahn-Schacht Jannowitzbrücke dünstet noch immer die sozialistische Vorwendezeit mit ihren Kohleöfen und scharfen Putzmitteln.

Kalkutta , Stockholm , Kapstadt, London, Paris, Mexiko City: Viele Städte und Kunstzentren auf der ganzen Welt laden Tolaas ein, damit sie Duftproben von Straßen, Häusern, Parks, Nachbarschaften nimmt und sie anschließend im Labor chemisch reproduziert. Sie lassen ihre olfaktorische Identität abfüllen. Die Auftraggeber mögen das Ergebnis für bloßes Stadtmarketing verwenden, aber die Forscherin erkennt einen höheren Zweck in ihrer Arbeit. Sie fördert Toleranz: Rieche Deinen Nachbarn wie Dich selbst.

George Orwell schrieb, dass alle Unterschiede in Ethnien, Religion, Bildung, Moral und Temperament überwindbar sind, nur die körperliche, geruchliche Ablehnung des Gegenübers nicht. Tolaas aber sagt: Wer ein offener Staats- und Weltbürger sein möchte, muss mit der Toleranz der Nase beginnen. Die ist lernbar, wenn man den Geruchssinn wieder ins Bewusstsein holt. Dann ist es möglich, Kategorien wie riecht gut / riecht schlecht aufzulösen, Düfte differenzierter zu beschreiben und sie vielleicht irgendwann – wie Tolaas – als neutrale Informationen zu verarbeiten. Mit ein wenig Übung verschafft uns die Nase ungeahnte Lust am Sinn und damit Erkenntnisse, die anderen verschlossen bleiben.