Unsere Autorinnen Nana Heymann und Julia Decker sind Freundinnen. Heymann lebt in Berlin, Decker ist der Liebe wegen von München nach Österreich aufs Land gezogen. Für beide stellte sich vor einigen Jahren die Frage: Ist hier ein guter Ort, um ein Kind großzuziehen? Wie sie heute darüber denken, haben sie in zwei Briefen für uns aufgeschrieben.Dies ist der Brief von Nana Heymann an Julia Decker. Deren Antwort lesen Sie hier .

Liebe Julia,
während ich Dir diese Zeilen schreibe, sitze ich im Zug. Am Fenster ziehen Wälder, Äcker und Felder vorüber, manchmal Weiden mit Kühen oder Schafen. Mein Mann liest Zeitung, meine Tochter betrachtet gedankenverloren die Landschaft, die mit einer Geschwindigkeit von 200 km/h an ihr vorbeifliegt. Zu gerne würde ich wissen, was bei diesem Anblick in ihrem Kopf vor sich geht. Ob sie es merkwürdig findet, dass nicht jeder Flecken Erde mit Häusern und Straßen bebaut ist. Ob sie sich wundert, dass es da draußen – im Optikraffer des ICE – so menschenleer und verlassen aussieht. Ganz anders, als sie es von zu Hause gewohnt ist.

Wir befinden uns auf der Heimreise nach Berlin , hinter uns liegt ein Wochenende bei den Schwiegereltern in der ostwestfälischen Provinz . Es ist nicht so, dass ich nicht gerne bei ihnen bin, dass ich die Tage fernab der Großstadt nicht genieße. Den Umgebungs- und Tempowechsel. Die Luft, die nach frisch gemähtem Gras und Kuhdung riecht und nicht nach Backsteinen und Benzin, wie es Seeed in ihrer Berlin-Hymne Dickes B besingen. Der tiefschwarze Nachthimmel, an dem sich die Sterne klar abzeichnen, weil ihnen keine Lichter der Großstadt die Show stehlen. Die langen Spaziergänge mit dem Hund durchs Feld.

Dennoch bin ich jedes Mal froh, wenn wir die Koffer packen und zurück nach Berlin fahren. Denn wenn ich ehrlich bin: Der Alltag in der Provinz ist mir eine Spur zu gemächlich, vielleicht auch zu langweilig. Man ist zu sehr auf sich zurückgeworfen, ein Umstand, mit dem ein gebürtiger Berliner wie ich schlecht umgehen kann. Es gibt kaum Angebote, die einem den Tag verkürzen. Keine Cafés, in denen man sich mit Freunden treffen oder im Internet surfen kann . Keine Restaurants mit gutem Essen. Keine Kinos, Museen, Theater. Und erst recht keine Parks, in denen man so schön allein unter Menschen sein kann. Um das alles zu erleben, um eine Ahnung davon zu bekommen, was das moderne Leben bieten kann, muss man mit dem Auto in die nächstgelegene Kleinstadt fahren. Kulturelles und soziales Leben finden nicht spontan und unmittelbar statt, sondern bedürfen einiger Planung und Organisation.

Erdgeschichte im Museum erleben

In der Großstadt ist das anders. Neulich, zum Beispiel, war meine Tochter bei meinen Eltern, sie wohnen nicht weit von uns. Sie lasen ihr ein Buch über Dinosaurier vor, und als sie damit fertig waren, kam meine Mutter plötzlich auf die Idee, ins Naturkunde-Museum zu gehen. Sehr zur Freude meiner Tochter. Zwei Stunden liefen Großmutter und Enkelin durch die Ausstellungshallen. Vor dem Skelett des Brachiosaurus blieben sie besonders lange stehen. Anschaulicher kann man einem Kind Erdgeschichte wohl nicht vermitteln.

Vor einiger Zeit hat unsere Tochter ihre Liebe zu Tieren entdeckt. Seither versuchen wir, unsere Urlaube dort zu machen, wo sich Reiterhöfe in der Nähe befinden. Eine Stunde auf dem Rücken eines Pferdes, und sie ist glücklich. Dass das Leben aber kein Ponyhof ist, lernt sie in der Großstadt. Negative Begleiterscheinungen wie menschliche Kälte , Umweltverschmutzung und soziale Unterschiede inklusive. Muss ich deshalb Angst um ihre seelische Entwicklung haben? Ich glaube nicht. Vielmehr lernt sie von früh auf, mit solchen Tatsachen umzugehen.

Lernen tut sie von früh auf aber auch Toleranz und freiheitliches Denken. Als vor Kurzem zwei Männer händchenhaltend vor uns auf der Straße liefen, fragte mich meine Tochter, ob Männer einander auch heiraten können. Und obwohl eingetragene Lebenspartnerschaften der Ehe nicht gleichgestellt sind, bejahte ich die Frage. Dann erzählte ich ihr noch von unserem schwulen Bürgermeister – und das Thema war erledigt.

Komplizierter wird es bei anderen Fragen. Wenn wir unserer Tochter zum Beispiel wilde Tiere zeigen wollen, gehen wir mit ihr in den Zoo. Affen, Bären, Elefanten und Raubkatzen – jedes Gehege eine neue Welt. Die Besuche sind für sie immer wieder aufregend. Beim letzten Mal fragte sie mich allerdings, warum die Tiere hinter Gittern leben. Ich versuchte, es ihr zu erklären. Aber weil ich mir nicht sicher war, ob sie es verstanden hatte, und weil ich ihr auch mal frei lebende Tiere zeigen wollte, weckte ich sie eines nachts und ging mit ihr in den Mauerpark am ehemaligen Grenzstreifen zwischen Prenzlauer Berg und Wedding. Eine Freundin hatte mir erzählt, dass es hier herumstreunende Füchse gebe, auch Waschbären sollen schon mal gesichtet worden sein. Mit dem schlaftrunkenen Kind lief ich durch den Park. Doch das einzige, was wir sahen, waren betrunkene Erasmus-Studenten beim kollektiven Rumhängen. Der Realitycheck fiel also ziemlich ernüchternd aus.

Auf dem Spielplatz lernen Kinder soziale Kompetenz

Die soziale Kompetenz unseres Kindes wird jedoch nicht nur durch solche Erlebnisse geschult. Das Training hat bereits viel früher angefangen, auf dem Spielplatz. Dort verbringen wir oft unsere Nachmittage. Gerade im Sommer wimmelt es auf den Anlagen vor großen und kleinen Menschen wie auf dem Markusplatz in Venedig vor Tauben. Geduld, das Einhalten von Spielregeln, ein respektvolles Miteinander, das eigene Ego zurückzuschrauben – all das lernt ein Kind auf dem Spielplatz.