In Städten wie Berlin ist die beinah garantierte Altersarmut der Künstler eine ungeklärte soziale Frage . Die Statistiken weisen etwa 10.000 bildende Künstler in der Hauptstadt aus. Selbstständige Autoren, Maler, Designer und Architekten, die sich halbfreiwillig in vergleichbare wirtschaftliche Situationen begeben, sind da nicht einmal mitgezählt. Und obwohl eine lebendige Künstlerszene im Stadtmarketing gern als Mehrwert für Immobilieninvestoren ausgestellt wird, gibt es so gut wie keine Konzepte, wie mit den alternden Künstler künftig umgegangen werden soll. Auf der vom Berliner Theater HAU organisierten Weltausstellung im Juni hat das Berliner Künstlerduo Dellbrügge & de Moll dafür einen Vorschlag gemacht: Eine Siedlung für betagte Künstler soll her, eine Mischung aus Akademie und Wohngemeinschaft. Camp der Renegaten heißt das Konzept, das die Erfinder ausdrücklich nicht als sozialpolitischen Lösungsansatz verstanden wissen wollen, sondern als Denkanstoß.

Um die Karrieren jüngerer Künstler anzuschieben, gibt es in Europa ein dichtes Netz an Förderungen, Stipendien und Residencys. Die Situation der älteren Künstler beschreibt Herbert Mondry, Vorsitzender des Berliner Berufsverbandes Bildender Künstler , indes düster: Oft verfügten sie nicht einmal über ausreichend Geld, um sich Eintrittskarten für Theater, Opern oder Museen leisten zu können und könnten am kulturellen Leben fast nicht mehr teilnehmen. Viele vegetierten vereinsamt in den Außenbezirken vor sich hin, ein künstlerischer Austausch finde so gut wie nicht statt. Das Camp der Renegaten will keinesfalls als soziale Mitleidsgeste missverstanden werden oder als Pflegeheim für Wunderlinge. Es geht Dellbrügge & de Moll vielmehr darum, eine Akademie antiker Prägung zu entwerfen, ein Kompetenzzentrum zeitgenössischer Kunstproduktion, eine Forschungsstation.

Der Ansatz ist auch deshalb nötig, weil sich das Problem der Altersarmut nicht auf Künstler beschränkt. Im Zuge des demographischen Wandels werden bald immer mehr Deutsche von Altersarmut betroffen sein. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen ( CDU ) sprach kürzlich von 1,3 Millionen Deutschen , deren Rente im Jahr 2030 nicht mehr zum Lebensunterhalt reiche. Eine Siedlung für ältere Künstler wäre vor diesem Hintergrund auch ein soziales Labor für das würdevolle Altern mit geringen Mitteln; ein Fernrohr in unsere unmittelbare Zukunft. Denn dass sich der Staat schrittweise aus der Altersvorsorge der Deutschen zurückzieht, ist spätestens seit der Einführung der halb-privaten Riester-Rente fassbare Realität .

Von den Künstlern lernen

Die demographische Entwicklung weist in eine Zukunft, in der alle Arbeitnehmer erstens bis ins hohe Alter ihrem Beruf nachgehen werden und zweitens bei der Organisation ihres Ruhestandes zunehmend auf ein soziales Netz zurückgreifen werden müssen, das ohne staatliche Strukturen auskommt. Beides machen Künstler schon heute. Die Gesellschaft, so die Vermutung, kann also von ihren Künstlern nicht nur etwas über die Ästhetik der Gegenwart lernen, sondern auch über das eigene Altern. Die Bildsprache der Gegenwartskunst mag sich seit einigen Jahren vor allem um sich selbst drehen. In der Verhandlung sozialer Wahrheiten sind Künstler aber heute vielleicht avantgardistischer als allen Beteiligten und Unbeteiligten lieb ist.