Sex war noch kein Thema in dieser Kolumne. Warum auch? Sex im Schrebergarten? Gibt’s ja eh nicht! Wer das denkt, liegt völlig daneben. Man spricht hier in der Siedlung nur nicht darüber, selbst in aussichtloser Lage. Und der Mann, dem ich mitten in der Nacht plötzlich in meinem Garten gegenüberstand, war definitiv in einer verzweifelten Lage.

Ich war durch lautes Geschrei geweckt worden, ein Streit zwischen Mann und Frau, soviel konnte ich ausmachen. Das kam manchmal vor in unserer Siedlung, daher machte ich mir weiter keine Sorgen und versuchte wieder einzuschlafen. Doch dann krachte etwas gegen die Rückwand meines Häuschens. Ich hörte einen unterdrückten Fluch. Ein Einbrecher, dachte ich. Es wäre nicht der erste, der in der Siedlung auf Beutezug ging. Kurz entschlossen nahm ich meine Taschenlampe, knipste sie an und ging ins Freie.

"Hallo? Wer ist da?"
Kein Antwort.
"Hallo?"

Vorsichtig ging ich um das Haus herum. Die Schreie des streitenden Paares waren noch immer zu hören.
"Wo ist…?"
"Wer… lass mich in Ruhe…"
"Ich glaub… raus mit der Sprache…!"  
Soviel konnte ich verstehen. Den Rest trug der Wind davon.

Ich leuchtete die Hauswand entlang. Nichts. Ich ging um die Ecke. Da stand ein Mann vor mir, über und über mit Schlamm bedeckt. Offensichtlich war er in voller Körperlänge in den schlammigen Wassergraben gefallen. Nur seine Augen waren frei. Braune Augen.

"Was…?" 
Er unterbrach mich: "Versteck mich! Schnell!", flüsterte der Mann. 
"Was machen Sie in meinem Garten?", brachte ich in entschiedenem Ton hervor.
Ich leuchtete ihm ins Gesicht. Doch ich konnte ihn nicht erkennen. Das Geschrei war noch lauter geworden. Die Frau heulte. Der Mann fluchte.

"Versteck mich, ich kann alles erklären, später. Versteck mich!"
"Was soll das? Wer sind Sie?"
Er packte mich am Arm.  
"Bitte!", flüsterte er. "Bitte!"

Ich hörte ein Türe schlagen und dann ein Gebrüll, das sich anhörte wie das eines Gorillas, der auszieht, um einen Konkurrenten zu erledigen.

"Bitte! Mach schnell!"

Ich gab nach. Ich brachte ihn zum Geräteschuppen, weil ich ihn nicht im Haus haben wollte. Der Schlamm floss zäh von seinem Körper. Erst als ich die Tür zum Schuppen öffnete, bemerkte ich, dass er vollkommen nackt war.
"Wo sind Ihre Kleider?"   
"Ja, ich..." 
"Hier", sagte ich und warf ihm einen Arbeitsoverall zu.
"Danke!"
Er kauerte sich in eine Ecke, ohne den Overall anzuziehen.

Das Brüllen des Gorillas kam immer näher. Es klang furchterregend. Der Mann machte sich noch kleiner und hielt den Kopf zwischen den Händen, als müsste er sich vor einem Schlag schützen. Ich schloss die Tür zum Schuppen und beeilte mich, ins Haus zu kommen, fest entschlossen, mich dort zu verbarrikadieren. Der Gorilla hielt nämlich auf meinen Garten zu. Ich hörte schon, wie er das Schilf zerteilte, das wie eine dichte Mauer an der Grenze zu meinem Nachbarn stand. Aber was heißt: Zerteilen? Er brach es nieder, er zermalmte es.