Schrebergärtner stehen im Verdacht, für die millimetergenaue Beschneidung ihrer Hecken mit ebensolchem Fanatismus zu kämpfen wie Al-Kaida-Terroristen für die Errichtung eines globalen Kalifats: Die Islamisten sind von der Religionswut befallen, die Schrebergärtner von der Regelwut. Das klingt eingängig. Doch mindestens der zweite Teil des Satzes ist völlig falsch. Der Schrebergärtner tut nur so, als sei er ein Vorschriftenbesessener. Er täuscht die Welt. In Wahrheit ist er ein Anarchist, der seine Ruhe haben will. Hinter der Hecke regiert der Eigensinn.

Zum Beweis könnte ich eine Reihe von Geschichten anführen, doch will ich hier nur die eine erzählen, die mich selbst am härtesten getroffen hat. Das eigene Leid erhöht ja bekanntlich die Glaubwürdigkeit.


Seinen Ausgang nahm das Unglück bei den benachbarten Eheleuten, die ich in dieser Kolumne, allerdings nur in schattenhaften Umrissen, schon einmal vorgestellt habe. Es handelt sich um das Paar, das mitten in der Nacht einen heftigen Streit begonnen hatte, in dessen Folge ich einen wildfremden, nackten und über und über mit Schlamm bedeckten Mann in meinem Garten vor einem heranstürmenden Gorilla verstecken musste. Sie erinnern sich vielleicht? Wenn nicht, dann ist es nicht weiter schlimm. Geschichten wie diese, die sich in jener Nacht zutrug, sind nicht typisch für die Schrebergartengesellschaft. Sie ereignen sich überall und in den besten Familien.

Einzigartig aber waren die Folgen dieser nächtlichen Auseinandersetzung, in der es wohl um Eifersucht ging. Wochen nach dem nächtlichen Gebrüll tauchte bei mir ein Mann auf. Er stand plötzlich in meinem Garten wie die Erscheinung aus einer Welt, die ich längst versunken glaubte. Ich dachte, dass der Typus graugesichtiger Beamter ausgestorben sei, aber nun stand er leibhaftig vor mir, ein schmaler, blasser Mann mit einer Aktentasche in der Hand und einem schmalen Bart auf der Oberlippe, wie ich ihn eigentlich nur aus Filmen kenne. 

Das Leben auf Regelwidrigkeiten absuchen

"Guten Tag, ich komme vom Wasserwirtschaftsamt."
Ich hatte mir gerade einen Tee zubereitet. Heißes an heißen Tagen zu schlürfen entspannt mich.
"Sie wünschen?"
"Haben sie Wasseranschluss?"
Obwohl er sprach wie ein Automat, lag etwas Lauerndes, Hinterhältiges in seiner Stimme. Ich versuchte auf Zeit zu spielen, um seine Absichten auszuloten. Beamte stehen bei mir ohnehin unter dem Generalverdacht, mein Leben systematisch auf Regelwidrigkeiten absuchen zu wollen. Dieser hier erschien mir von einer geradezu fanatischen, detektivischen Energie getrieben, auch noch den letzten Winkel meines Daseins ausleuchten zu wollen. Alles in mir sträubte sich.

"Wie sind sie denn hier reingekommen?", fragte ich im barschen Ton, hoffend, ihn dadurch zu beeindrucken. Doch er antwortete ungerührt:
"Durch das Gartentor."
"Warum haben Sie denn nicht gemeldet?"
"Es gibt keine Klingel am Gartentor."
Ich zögerte kurz, weil ich dachte, der Mann wolle mich auf den Arm nehmen. Doch sein Gesicht blieb völlig unbewegt.
"Ich weiß, dass es keine Klingel gibt", sagte ich schließlich und fügte spöttisch hinzu, "das haben Gartentore in Schrebergärten so an sich."
Er blickte mich teilnahmslos an.
"Sie hätten ja auf sich aufmerksam machen können", setzte ich nach.
"Wie denn?"
"Indem Sie zum Beispiel 'Hallo' rufen!"
Er dachte kurz nach, dann sagt er: "Das ziemt sich nicht!"
"Wie bitte?"
"Das ziemt sich nicht für einen Beamten vom Wasserwirtschaftsamt."

Dem Mann war nicht beizukommen. Er stand da wie gemeißelt.
"Sie werden aber verstehen, dass Sie auf meinem Grund und Boden..."
"Es ist nicht ihr Grund und Boden", unterbrach er mich, "Sie sind hier nur Pächter!"
"Sicherlich, aber für 99 Jahre."
"Aber eben nur Pächter."
"Gewiss, aber das gibt ihnen doch nicht das Recht hier einfach einzudringen!"