"Das müssen wir natürlich einrollen", sagt Christian Vagedes, als er den Kuhfellteppich in meinem Wohnzimmer sieht. Aber der Teppich ist doch ein Abfallprodukt, das sonst weggeschmissen worden wäre. Das Argument lässt Vagedes nicht gelten, Fell bleibt Fell, die Kuh muss weg. Schließlich starb sie einst ihres Fleisches wegen.

Auf die Anfrage, wer mir anhand meiner eigenen Wohnung erklären könne, auf welches Mobiliar ich verzichten müsste, um vegan zu wohnen, hat die Vegane Gesellschaft Deutschland ihren Vorsitzenden geschickt: Christian Vagedes, ein hochgewachsener Hamburger, Designer und Lobbyist der veganen Konsum- und Lebensweise in Deutschland. Die Satzung seines gemeinnützigen Vereins formuliert als ein Ziel "die Förderung veganer Bekleidung … veganer Möbel und die Förderung veganer Alternativen zu tierlichen in allen Bereichen des Lebens". Um den Inhalt meines Kühlschranks soll es jetzt nicht gehen, ich will von Vagedes wissen: Wie viel Tier steckt in meinem Esstisch, dem Bücherregal, meiner Stereoanlage, meiner Beleuchtung?

Wir betrachten meine Couch, einen schlichten Dreisitzer mit eckigen Armlehnen. Die Waffelstruktur des beigen Bezugs verrät wenig: Wolle oder Synthetik? Mit einem Griff zippt Vagedes die Kissen auf, das Etikett verrät: 54 Prozent Acryl, 46 Prozent Polyester. "Du hast ein veganes Sofa", lobt er. Auch in der Polsterung verstecken sich keine Tierhaare? Nein, nein, in allen neueren Sofas würden vor allem synthetische Polsterungen verwendet. Wer nach Naturmaterialien suche, könne nach Kokosfaser oder Naturlatex fragen. Ein Anruf beim Fachmann bestätigt das. Weder in Schaumstoff, noch Federkernpolsterungen werden üblicherweise Materialen tierischen Ursprungs verwendet.

Kritisch mustert Vagedes ein besticktes Kissen, ein Accessoire aus London. Der Bezug, so hatte mir damals der Verkäufer versprochen, sei aus alten indischen Sari- und Tuchstoffen genäht worden. "Da könnte Seide drin sein", sagt Vagedes. Bei der Herstellung von 250 Gramm Seidengarn werden etwa 3.000 Seidenspinnerlarven in ihren Kokons verbrüht. Indiskutabel für die meisten Veganer, auch wenn die Naturfaser seit mehr als 3.000 Jahren auf diese oder ähnliche Weise gewonnen wird.






Der Rest des Wohnzimmers scheint unproblematisch. Weder in der Stereoanlage noch in Holzmöbeln müssen Veganer versteckte Tierbestandteile fürchten, es sei denn, ein Möbelstück ist aus minderwertigerem Pressspan, bei dessen Herstellung mitunter Leim mit Tierblutbestandteilen verwendet wird. Mein Billy-Regal und das Sideboard aus Holzfaserplatten enthalten jedoch ausschließlich synthetische Leime und Bindemittel. Vor dem Bücherregal allerdings bleibt Vagedes stehen, breitet die Arme aus und sagt: "Hier stecken jede Menge Knochen drin." Tatsächlich wird jedes Buch mit Pappeinband mit Leimen verklebt, die tierische Bestandteile enthalten können.

Sein eigenes Buch VegUp hat Vagedes vegan verkleben lassen, eine Ausnahmeregelung. Sofern man sich auf Taschenbücher beschränke, sagt er, könne man knochenhaltigen Leimen entgehen. Eine der größten europäischen Buchdruckereien gibt allerdings an, sie könne nicht ganz ausschließen, dass in den Druckfarben und den Einbandfolien von Taschenbüchern tierische Bestandteile enthalten sind.

Im Schlafzimmer steht ein gebrauchtes Chesterfield-Sofa, bezogen mit cognacfarbenem Leder, die Sitzkissen sind mit Daunen gefüllt. Daneben steht das Bett, auch mit Daunendecken. Zwei vegane Wohnalbträume? "Die meisten Veganer stellen ihre Lebensweise ja zu einem Zeitpunkt um, wo sie selbst auch Ledersofas, Wollmäntel oder Daunendecken besitzen. Diese Dinge aufzubrauchen und erst dann vegane Alternativen zu kaufen, wenn der Mantel oder die Couch kaputt sind, ist für die meisten Veganer völlig in Ordnung", sagt Vagedes.

Auf dem Nachttisch hat Vagedes etwas zu beanstanden: ein altes Schwarzweiß-Foto. Hübsch sei es, findet er, aber solche Nostalgie sei nicht vegan. Der Weg eines jeden – auch neuen – Fotoabzugs führt durch ein Gelatinebad, dessen Ursprung Tierknochen aus dem Schlachthaus sind. Einen synthetischen Ersatz gibt es nicht. "Zum Glück gibt es ja die Antwort schon: digitale Fotografie", sagt Vagedes.