Marie und Leo wohnen in einer großzügigen Altbauwohnung im Friedrichshainer Osten. Abgezogene Dielen, Stuck, ein in Italien entführtes Lavazza-Schild am Durchgang zur Küche, strahlende Weingläser. Das Paar Ende Dreißig, er gebürtig aus dem Harz, sie aus Baden, lebt schon seit zehn Jahren in dem Berliner Kiez. "Aber viele Nachbarn haben wir noch nie getroffen", sagt Marie.

Das soll sich an diesem Abend ändern, wenn Leo, Marie und 59 andere Zweierteams beim ersten Friedrichshainer Running Dinner Fremde aus dem Kiez bekochen. Vorspeise, Hauptgericht oder Dessert, für die anderen beiden Gänge ist man beim Running Dinner jeweils Gast in Nachbars Küche. Bei Rote-Beete-Suppe, Focaccia und veganem Tiramisu prosten sich Menschen aus Berlin und dem Rest der Welt zu, die sich nie begegnet sind, obwohl sie vielleicht schon seit Jahren in der gleichen Straße wohnen.

Dass die Vorspeise kein Gluten enthalten darf, weil Sarah aus Spanien allergisch ist und das Hauptgericht für Nargiza aus Usbekistan ohne Schweinefleisch sein sollte, erfuhren die angemeldeten Gastgeber am Vorabend per Mail von Volker Siems. Der 39-Jährige Diplomkaufmann und Doktor der Philosophie betreibt seit Juli diesen Jahres die Website Polly & Bob. Die Idee hinter dem Nachbarschaftsportal beschreibt Siems so: "Online verabreden, offline treffen." Polly & Bob vermittelt Hilfe beim Babysitten, Einkaufen, Möbeltragen. "Es geht darum, dass ein Miteinander entsteht und die Vereinzelung in der Wohnwabe ersetzt", sagt Siems.

Im September organisierte Siems den ersten nachbarschaftlichen Büchertausch, es folgte ein Sprachen-Café und ein Babysitting-Treff. Über die Bezirksgrenzen hinaus bekannt wurde Polly & Bob mit der Nacht der singenden Balkone im November. 38 Friedrichshainer Balkone waren zu winzigen Bühnen geworden, auf denen sich die Bewohner der dazugehörigen Wohnungen für jeweils zehn Minuten als Sänger, Tänzer oder Schauspieler versuchten. Und mehr als 1.000 Menschen sahen zu.

Volker Siems will mit diesen Aktionen und seiner Online-Plattform nicht etwas gegen Anonymität tun. "Viele fristen ihr Leben als Einzelkämpfer", sagt er, dabei könne jeder bestimmte Fähigkeiten oder Dienstleistungen anbieten und von anderen profitieren. Siems schwebt ein grundsätzlicher Wandel von der Konsumgesellschaft zur Share Economy vor: Menschen teilen die Dinge, statt ein Produkt oder eine Dienstleistung jeweils für sich allein anzuschaffen.

Oder für sich allein zu kochen. Den Hauptgang ihres Abendessen bekommen Marie und Leo in der Gubener Straße, 20 Minuten von ihrer eigenen Wohnung entfernt, von Franziska und Lisa serviert. Indische Linsen und Kürbis aus dem Ofen gibt es, gegessen wird in der rot gestrichenen WG-Küche der beiden Gastgeberinnen. Zur Verdauung gibt es später bei Marie einen Ramazotti vor der Schokomousse.