Vor einer Weile habe ich meinen Freund Magnus und seine Frau Annika in Stockholm besucht. Wir aßen gemeinsam zu Abend. Anschließend übernahm Magnus das Spülen, denn eine Spülmaschine haben die beiden nicht. Er spülte die Teller mit Saucenresten unter kaltem Wasser ab und versuchte, sie mit einer Bürste vom Fett zu befreien. Er wurde immer wütender, weil es ohne warmes Wasser nicht gelang. Annika und ich standen daneben, erst schmunzelnd, dann laut lachend. Magnus erklärte uns, dass er am warmen Wasser sparen wolle und deshalb nur kaltes verwende.

Zurück in Deutschland dachte ich immer wieder an diese Situation. Ich fragte mich, ob ich nicht auch solche Marotten habe, die ich mir und anderen als politisch korrekten, sparsamen Umgang mit Ressourcen erkläre. 

Oh doch! Bevor aus dem Wasserhahn in meinem Bad warmes Wasser kommt, muss ich ca. fünf Liter Wasser durchlaufen lassen. Was tue ich? Ich zapfe einen Liter Kaltwasser ab, danach kommt immerhin lauwarmes Wasser aus dem Hahn. Das abgezapfte Wasser benutze ich dann fürs Zähneputzen. 

Als ich dies meinem Freund Ortwin erzählte, sagte er, er kenne das Problem. Bei ihm würden sogar fast zehn Liter Kaltwasser verloren gehen, bevor warmes Wasser aus dem Hahn komme. Er sammle aber das kalte Wasser in einer Gießkanne und gieße damit seine Blumen.

Nun hatte ich Witterung aufgenommen und begann meine Freunde zu fragen, ob sie auch solche Angewohnheiten hätten. Es folgten viele freimütige Geständnisse. Ein Freund erzählte etwa, dass er seinen Kugelschreiber an einer Schnur am Bücherregal aufhänge, wenn er in der horizontalen Lage Anzeichen zeigte, fast leer zu sein.

Und es ging weiter: Mein norwegischer Freund Magne in Trondheim berichtete, dass er Zahnpastatuben, wenn durch Drücken nichts mehr herauszubekommen sei, mit einer Schere quer durchschneide, um dann mit der Zahnbürste die allerletzten Reste herauszukratzen. Seine Frau Berit ergänzte, nicht ohne Stolz in der Stimme: "Das tun wir mit Kaviartuben ebenso."

An diesem Punkt dachte ich, der Gipfel sei erreicht. Aber nein. In der Wohnung meines Freundes Tore in Bergen in Norwegen bemerkte ich auf der Wäscheleine aufgehängtes Küchenpapier. Einen neuen "Leckerbissen" witternd fragte ich ihn, warum er das denn mache. Tore antwortete: "Wenn ich nach dem Essen den Tisch mit einem feuchten Lappen abgewischt habe, bleibt immer etwas Feuchtigkeit zurück. Die wische ich dann mit Küchenpapier ab. Und da das Papier dabei ja nicht schmutzig geworden ist, trockne ich es und verwende es wieder." Auch er sagte dies nicht ohne Stolz in der Stimme. Und ich musste zugeben, dass ich nicht auf diese Idee gekommen wäre.

Nun habe ich so viele Beispiele für derartige Spleens gesammelt, dass ich mich in der Lage fühle, ein Fazit zu ziehen. Es handelt sich bei den aufgeführten Angewohnheiten nicht um aus der Not geborene Sparsamkeit, denn Geld haben diese Freunde genug. Ich vermute eher, dass es sich um eine Art Verschiebung eines heiklen Themas handelt. Meine Freunde und ich sind mit 60 bis 70 Jahren alle in einem Alter, in dem die Ressourcen des eigenen Körpers langsam zur Neige gehen. Spürbare Muskelschwäche und Gelenkbeschwerden signalisieren: "Du musst haushalten mit deinen Ressourcen." Aus diesem Grund sparen wir zuerst bei den Ressourcen, die wir einfacher kontrollieren können als die unseres Körpers.