Ein Pärchen hat sich vor dem Schaufenster im Pariser Stadtteil Saint Germain positioniert, die beiden knutschen leidenschaftlich und schießen dabei ein Foto nach dem anderen von sich. Im Schaufenster: die Berliner Mauer, bunt bemalt. Ein Trabbi, die Skyline der Stadt und die Umarmung von Breschnew und Honecker.

"Ist das die echte?", fragen die Leute Patrick Roger, der verantwortlich ist für den Wirbel vor seinem Schokoladengeschäft. Roger klopft auf die Mauer und deutet auf einige Risse in der Wand. "Alles echt", sagt er und grinst. "Original Bitterschokolade."

Vier Wochen lang hat der 41-Jährige an seiner Schoko-Mauer gebastelt. Wenn man die einzelnen, etwa handbreiten Stücke zusammensetzt, ergeben sie eine Länge von 15 Metern. Rogers hat sie 900 Kilogramm Kakao-Masse sind in das Bauwerk geflossen; die Farben hat Roger aus pulverisierter Kakaobutter und Lebensmittel-Farbstoffen zusammengemischt. Die Schokolade wurde in Zylinderrohre aus Plastik eingefüllt, gehärtet und dann aneinandergeklebt und mit einer Schicht Bitterschokolade überzogen. Sogar die kleine Wölbung an der Oberkante ist deutlich herausgearbeitet. "Das Ziel war, die Mauer so exakt wie möglich nachzubauen", erklärt der Chocolatier.

Das ist ihm gelungen. Der berühmte "Bruderkuss" von Breschnew und Honecker sieht dem Original von Dmitri Vrubel derart ähnlich, dass man meinen könnte, die Berliner East Side Gallery sei auf Wanderausstellung in Paris.

Roger hat genau recherchiert und die Originale, die um 1990 von mehr als 100 Künstlern aus 21 verschiedenen Ländern gemalt worden waren, genau studiert. Entschieden hat er sich für diejenigen, "die am sympathischsten wirkten und die Stimmung am besten reflektierten". Birgit Kinders Trabbi, der die Mauer durchbricht, etwa oder die bunten Kopfmännchen von Thierry Noir. Das Schwierigste seien die Schriftzüge gewesen, sagt Roger. "Ich habe plötzlich Graffiti lernen müssen. Da darf man nicht zu lange zögern, sondern muss einfach loslegen."

Für den Chocolatier ist die Aktion natürlich eine gute Werbung, aber auch ein kostspieliges Vergnügen. 90 Euro kostet ein Kilo der Schokolade, die er verwendet hat. Die komplette Mauer ist somit ein teurer Brocken von mehr als 80.000 Euro.

Roger, der 2000 von seinen Fachkollegen als "Bester Chocolatier Frankreichs" ausgezeichnet wurde, hat schon früher mit seinen ungewöhnlichen Kreationen auf sich aufmerksam gemacht. Zum 40-jährigen Jubiläum der Mondlandung entwarf er Astronauten, die auf dem Mond spazieren gingen. Während der vergangenen Präsidentschaftswahlen in Frankreich verewigte er die Kandidaten in Schokolade und verschickte sie an den jeweiligen politischen Gegner.