Die Broschüre klingt vorbildlich: Seefisch darf nicht aus überfischten Beständen stammen, bei Fleischprodukten soll es sich um Muskel-, nicht um Formfleisch handeln. Pellkartoffeln bitte ohne Schale, da sich dort die giftige Substanz Solanin befinden kann. Und wer Jodsalz mit Fluorid verwenden möchte, muss sich beim Bundesamt für Verbraucherschutz eine Ausnahmegenehmigung erteilen lassen.
Blättert man durch die Qualitätsstandards für die Schulverpflegung des Bundesministeriums für Ernährung, könnte man meinen, deutsche Schülerinnen und Schüler gehörten zu den am besten ernährten der Welt.

Dass dem nicht so ist, zeigt der Andrang bei der Veranstaltung "Verpflegungsangebote an weiterführenden Schulen" in Berlin. Mehr als 50 Eltern, Schüler und Lehrer haben sich an diesem Mai-Abend im Saal 338 des Roten Rathauses versammelt, die Broschüren sind schnell vergriffen. Es ist ein besonderer Abend, denn zum ersten Mal kommen Vertreter von Schul-, Eltern und Schülervertretungen zusammen. Veranstalter ist die Vernetzungsstelle Kita und Schulverpflegung , die vom Berliner Senat damit beauftragt ist, die Initiative für gesunde Ernährung (inform) der Bundesregierung umzusetzen.

Dass dieses Vorhaben Pionierarbeit ist, zeigt sich an den Ergebnissen einer Befragung an den Berliner Schulen: "Kein einziger der 431 eingereichten Schulspeisepläne hat alle Kriterien erfüllt", sagt Michael Jäger von der Vernetzungsstelle. Fast 40 Prozent aller Schulen böten keinen Fisch an, fast ein Fünftel kein frisches Obst. "Das Wissen ist da, scheint aber nicht umgesetzt zu werden."

Das Problem ist: es muss auch nicht umgesetzt werden. Die Regeln in den Qualitätsstandards sind allesamt "Soll"-Vorschriften, also rechtlich nicht bindend. Selbst Paragraf 19 des neuen Berliner Schulgesetzes, in dem die Schulspeisung verortet ist, besagt lediglich: Ein warmes Mittagessen soll angeboten werden.

Brisant wird das ab dem kommenden Schuljahr, wenn alle Sekundarschulen in Berlin sowie ein Gymnasium pro Bezirk zu Ganztagsschulen umgewandelt werden. Die meisten von ihnen wollen ihren Schülerinnen und Schülern ein warmes Mittagessen anbieten.

Die versammelten Eltern, Lehrer und Schüler wollen vor allem zwei Dinge wissen: Wer zeichnet verantwortlich für die Wahl der Caterer und vor allem: Wer soll das alles bezahlen? Während das Land Berlin alle Kinder in Ganztagsgrundschulen mit einem Betrag von 22 Millionen Euro pro Jahr unterstützt, gibt es für die weiterführenden Schulen bisher kein Budget. Zusätzlich zur staatlichen Förderung zahlen Eltern, sofern ihre Kinder auf Ganztagsgrundschulen sind, derzeit 23 Euro pro Monat für das Schulessen. In den weiterführenden Schulen müssen sie mit Verpflegungskosten in Höhe von 40 bis 60 Euro monatlich rechnen, sagt Sabine Schulz-Greve von der Vernetzungsstelle.

Robert Giese, Vertreter des Berliner Ganztagsschulverbandes, hält das für höchst problematisch: "Die Eltern haben doch nicht automatisch mehr Geld, wenn ihre Kinder die Grundschule verlassen." Der Schulleiter beobachtet jetzt schon ein Zwei-Klassen-System an seiner Schule: "Wir sehen jeden Tag Kinder in unserer Kantine, die warten, ob etwas vom Mittagessen für sie übrig bleibt."