Das Godshot in der Immanuelkirchstraße 32 im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg scheint auf den ersten Blick nur eine weitere Kaffeeschänke von vielen zu sein. Doch das kleine Ladenlokal unter dem Schild mit der silbernen Pistole auf schwarzem Hintergrund und dem Schriftzug The Future Urban Coffee Klub ist nicht bloß ein Café, sondern auch Ausdruck einer neuen Kaffeekultur. Eingeweihte erkennen es bereits am Namen: God Shot bezeichnet im englischen Kaffeejargon einen vollkommenen, tiefschwarzen und fast öligen Schuss Espresso.

Seit zwei Jahren betreiben Karl-Uwe Bayer und Axel Höfer das Godshot. Sie sind Teil einer wachsenden, weltweiten Gemeinschaft von Feinschmeckern. Der Kaffeegenuss ist für sie wie eine Weinverkostung. Und sie sind bereit, für hochqualitativen Kaffee ein Vielfaches des handelsüblichen Preises zu bezahlen. Sie bezeichnen sich als Barista; das italienische Wort für Barmann ist in der globalen Kaffeeszene zum Inbegriff des Kaffeeliebhabers und Kaffeekünstlers geworden. Während der Massenmarkt mit Wort- und Kalorienungetümen wie einem Grande Half-Decaf Latte mit Peppermint-Sirup aufwartet, geht es den Barista tatsächlich um die Essenz, um Kaffee in seiner reinsten Form.

So anspruchsvoll man auch im Godshot hinsichtlich der Qualität des Kaffees ist, so puristisch und spezialisiert ist die Karte: Darauf finden sich Kaffee-Milch-Spezialitäten wie der "Flat White" aus Neuseeland, ein doppelter, besonders intensiver Espresso mit einem Hauch von Milchschaum. Oder der "Gibraltar" aus den Vereinigten Staaten, der auf denselben Kaffee Milchschaum satt aufsetzt.

Diese dritte Welle der Erneuerung der Kaffeekultur versteht sich, natürlich, als Bewegung von Puristen. Zucker im Espresso ist tabu, dafür darf über den Geschmack von Orangenzesten im Abgang des Kaffees gefachsimpelt und diskutiert werden. Über die Ergebnisse tauscht sich die Kaffeeszene in entsprechenden Blogs oder in den Foren des Zubehörhändlers "Black Pirate Coffee Crew" aus. Dort finden sich nicht nur ein Reiseführer mit besuchenswerten Kaffeeschänken, sondern auch ellenlange Debatten, ob der "Flat White" nicht Verrat am Cappuccino sei.

Nach Wein und Whiskey, Olivenöl, Schokolade und Salz scheint es, als wäre Kaffee der neueste Gegenstand der ambitionierten Feinschmeckerei – und willkommener Anlass, die Vollendung des eigenen Geschmacks vor sich selbst und anderen unter Beweis zu stellen. International wird das alles freilich schon längst ebenso heiß gekocht. Bereits in den 1980ern kamen Röster wie der US-Amerikaner David Dallis auf die Idee, ihre Bohnen direkt bei den Produzenten zu erwerben und diese einem wesentlich schonenderen Röstverfahren zu unterziehen. Doch der große Erfolg blieb aus. Noch hatte man weder den grünen Lifestyle noch den Hang zum Feinschmeckertum auf seiner Seite.