ZEIT ONLINE: Herr Rach, Bücher erzählen uns von den Qualen des Hummers oder den Zuständen in den Schlachthäusern . Geht Genuss noch ohne schlechtes Gewissen?

Christian Rach: Vielleicht erleben wir in Deutschland auch die Nachfolge der Auseinandersetzung zwischen Protestantismus und Katholizismus. Der protestantistische Weg war der genussfeindliche, der katholizistische eher der von Überschwang und Völlerei. Da fechten wir offenbar noch Glaubenskriege aus. Genuss wird leider von vielen als etwas Unanständiges empfunden. Wir wissen seit langem, auch am Beispiel anderer Länder, dass Genussfähigkeit ein Kulturgut ist.

ZEIT ONLINE: Aber die Bilder von Massentierhaltung und den Zuständen in Schlachthäusern sehen wir inzwischen jeden Tag.

Rach: Das ist nicht das Problem des Genusses. Das sind die Folgen unserer Industrialisierung, mit denen wir uns natürlich auseinandersetzen müssen. Wir leben in Deutschland in einem Schlaraffenland und erheben uns in vielen Dingen über andere Kulturen und ihre Eigenarten, anders mit der Natur umzugehen. Das ist eine fragwürdige Situation. Um Massentierhaltung kommen wir wohl nicht herum. Aber so wie es gehandhabt wird, ist es nicht akzeptabel.

ZEIT ONLINE: Warum kommen wir nicht um sie herum?

Rach: Nun, wir haben auf der Welt sieben Milliarden Menschen. Ich bin überzeugt davon, dass wir nicht jeden Tag Fleisch essen müssen. Auch nicht jeden Tag Fisch. Trotzdem müssen wir sehen, wie man die Menschen satt kriegt. Da haben wir eine Verantwortung. Was aber nicht heißt, dass wir Abfallprodukte des Huhns nach Afrika schicken und damit den örtlichen Bauernmarkt kaputt machen.

ZEIT ONLINE: Wieviel Moralisierung verträgt Essen?

Rach: Essen kann nicht moralisch oder unmoralisch sein. Es muss aber mehr sein als die reine Nahrungsaufnahme. Das hat mit Respekt zu tun. Zuerst vor der Natur, dann vor dem Lebensmittel, ganz egal, ob Gemüse, Fisch oder Fleisch. Da gibt’s einen schönen Spruch: Vegetarier, sagt man, sind friedfertige Menschen. Karotten sind da ganz anderer Ansicht. Wenn man das aber zur Grundlage macht, widerstreben wir unserem Überlebenstrieb.

ZEIT ONLINE: Was schlagen Sie vor?

Rach: Wenn wir ein Reh erlegen, sollten wir nicht nur den Rücken essen, sondern auch die Schulter, den Hals und die Innereien. Leider sind bei uns gesetzlich manche Dinge davon verboten, so dass es nicht mehr so einfach geht. Aber man kann auch der Natur danken, dass sie uns so ein edles Produkt schenkt. Genuss hat nichts mit Filetfresserei zu tun, sondern mit Ehrfurcht vor der Natur.

ZEIT ONLINE: In Fernsehkochshows nimmt der Respekt zuweilen groteske Züge an. Man wird ermutigt, in Reis zu greifen und die Zutat zu spüren. Wird das nicht schnell esoterisch?

Rach: Das ist die Frage der Darstellung. Leider kann ein Getreidefeld oder ein Hühnerhof nicht selbst Respekt einfordern. Deshalb hängt es von uns ab, ihn zu vermitteln. Esoterisch, weiß ich nicht. Vielleicht ist es manchmal theatralisch. Das hat dann eher eine abschreckende Wirkung.

ZEIT ONLINE: Wie ist es mit dem Gerede von der gesunden Ernährung? In jeder Sendung hört man etwas anderes. Wird das nicht dadurch zur Leerformel?

Rach: Das ist das Wort der Banken oder der Gesundheitsreform auch. Ernährung ist eine Frage der Bildung. Ich vermisse in der Schule das Fach Gesundheit und Ernährung. Solange die wenigsten Ahnung davon haben, was sie ihrem Körper antun, wenn sie den ganzen Tag Fertigprodukte in sich reinkippen, werden wir gesunde Ernährung als Kunstwort empfinden.