Ein Bekannter von mir glaubt fest daran, dass es kaum eine bessere Kontaktbörse gebe als die Supermarktkasse. Ein Blick in den Einkaufswagen verrate ihm mehr als ein Facebook-Profil. Leicht ließen sich daraus Rückschlüsse auf Einkommens- und Lebensverhältnisse ziehen. Wichtiger für ihn sei aber der Beziehungsstatus. Eine Packung Fruchtzwerge und das Nutellaglas sprechen für ein Kind daheim. Das T-Bone-Steak oder die Haxe von der Grilltheke deutet er als Alarmsignal. Liegt da nur ein Ziegenkäse, Pesto oder die Putenbrust ohne Haut in der 100-Gramm-Packung, erwacht sein Interesse. An dieser Stelle möchte man ausrufen, Frauen, nehmt euch im Supermarkt vor einem groß gewachsenen, leidlich gut aussehenden, aber notorisch untreuen Mann Mitte 40 in Acht.

Ihn aber mag man etwas anderes fragen: Wer, glaubt er denn, verbirgt sich hinter einer Packung Zucchiniblüten? Es könnte zum Beispiel sein, dass in diesem Fall irgendeine Beziehung zu Denis Scheck besteht. Der Literaturkritiker gab neulich preis, dass er eine außerordentlich große Vorliebe für frittierte Zucchiniblüten hegt. Scheck hat zu diesem Thema gerade gemeinsam mit einer Freundin aus Schultagen, der Stuttgarter Ärztin und Journalistin Eva Gritzmann, ein Buch geschrieben: Sie & Er. Der kleine Unterschied beim Essen und Trinken. Zur Not ginge auch Kürbis. Aber Zucchiniblüten! Sind hierzulande leider nur schwer zu kriegen, in Italien gibt es sie an jeder Ecke.

Das mit dem Gender-Food, wie man in Expertenkreisen die geschlechtsspezifische Ernährung nennt, ist also gar nicht so einfach, wie eingangs erwähnter Bekannter meint. Denn nach landläufiger Meinung erwerben Männer Dinge, die blühen, allenfalls zum Muttertag. Sie würden nie und nimmer darauf rumkauen. Da halten sie sich lieber an rotes Fleisch. Frauen hingegen brauchen im Restaurant schon allein deshalb länger zum Bestellen, weil sie immer noch ausrechnen müssen, wie viel Kalorien das alles hat.

Vorurteile, natürlich, allerdings nicht ohne wahren Kern. Nach einem Bericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung essen Frauen täglich ein Drittel mehr Gemüse und Obst als Männer. Ganz genau wollte es das Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel wissen: Für die nationale Verzehrstudie II befragte man bis 2007 fast 20.000 Männer und Frauen. Danach essen Männer etwa doppelt so viel Fleisch und Wurstwaren. Dafür sind 3,4 Prozent der deutschen Frauen Vegetarier, bei Männern sind es nicht einmal halb so viele: 1,5 Prozent. Frauen trinken weniger Alkohol, wenn, dann lieber Sekt oder Weißwein. Männer bevorzugen Bier, es sei denn, sie gehören der Oberschicht an oder wohnen im Südwesten, dann auch Wein, gerne rot.

Die Studie beinhaltet aber auch überraschendere Erkenntnisse. So stillen Männer ebenso wie Frauen ihren Durst am liebsten mit Wasser, Frauen greifen auch gern zum Tee, Männer zur Limonade. Angeblich haben Frauen eine größere Affinität zu Süßem. Stimmt nicht, sagt die Statistik. Männer langen sogar häufiger zu, verzehren 55 Gramm Süßes am Tag, Frauen dagegen nur 48 Gramm.

Besonders eklatant wird es bei Backwaren: Männer 46 Gramm, Frauen 33 Gramm. Spätestens an dieser Stelle macht sich eine Schwäche der Statistik bemerkbar – sie schlüsselt nicht hinlänglich auf. Trotzdem sind die Forscher sicher, der männliche Backwaren-Appetit ist vor allem auf die Vorliebe männlicher Jugendlicher für Tiefkühlpizza zurückzuführen, die in diese Rubrik einfließt. "Schockierend", findet Denis Scheck. Auch er und Eva Gritzmann beziehen sich auf die Nationale Verzehrstudie, verlassen sich aber nicht auf die Statistik, was ihr Buch sehr unterhaltsam macht.

So bevorzugen Männer eindeutig Soßen und würzende Zutaten. Doch was bedeutet das? Dass sie gern im Essen spielen und Soßenkanäle im Kartoffelbrei graben wie einst als kleiner Junge? Oder ist ihre Vorliebe für Currywurst extra scharf ein typisch männliches Gehabe, weil man erst dann ein echter Kerl ist, wenn man mit Tabasco gurgelt? Es könnte freilich auch bedeuten, dass Männer gern mit Ketchup und Mayonnaise hantieren, die verbergen sich ebenfalls hinter "würzenden Zutaten".