Was soll man vom Statistischen Jahrbuch für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten halten, das für 1990 den Pferdefleischverzehr in Deutschland auf 100 Gramm im Jahr beziffert, für 1995 aber auf 4,4 Kilo kommt? War das der Siegeszug des rheinischen Sauerbratens? Oder doch nur ein Tippfehler? Und warum erlebt der Wildschweinverzehr seit den späten 60er Jahren einen Boom? Dafür hat Denis Scheck eine plausible Erklärung. Der bekennende Comic-Leser führt das auf den Erfolg der Asterix-Hefte zurück, in denen das gebratene Wildschwein zur gallischen Leibspeise verklärt wurde. Leider musste der kleine Denis sehr darunter leiden, dass Wildschwein in Wirklichkeit nie als Krustenbraten wie bei Obelix auf den Tisch kam, erst recht nicht, wenn seine Oma kochte. Übrigens unterscheidet sich das Essverhalten von Mädchen und Jungen heute erfahrungsgemäß kaum. Sie mögen gleichermaßen gern Pizza und Pasta.

Die beiden Autoren begaben sich für ihr Buch auf eine lange Reise, zitieren Anthropologen, besuchten Hirnforscher, Sommeliers, Gemüsehändler, gruben in Geschmackserinnerungen, eigenen und solchen der Weltliteratur, seien sie nun von Marcel Proust oder Günter Grass. Sie aßen beim Katalanen Ferran Adrià und diskutierten mit Fernsehkoch Vincent Klink. Letzterer glaubt, dass für Frauen beim Essen der Tierschutzgedanke eine größere Rolle spiele. Englands Jamie Oliver dagegen erklärte, warum er eigenhändig ein Lamm schlachtete. Wenigstens einmal wollte er sich bewusst machen, dass man es in der Fleisch-Küche mit Lebewesen zu tun habe.

Den Beweis, dass testosterongesteuerte Küche nicht unbedingt etwas mit dem Fettauge im Prime Rib zu tun haben muss, erbringen Scheck und Gritzmann mit einem Besuch im Moto in Chicago. Während dort eine halbierte Minneola, es handelt sich um eine Zitrusfrucht, mit injizierter Kohlensäure serviert wird, schwant einem, dass die Angeberexperimente eines exaltierten Küchenchefs auch was Männliches haben. "So kochen Blender", findet Eva Gritzmann.

Doch warum essen Frauen anders als Männer, bringt er sich mit seiner Obst- und Gemüseabstinenz in ein frühes Grab? Gern wird in so einem Fall die Frühgeschichte bemüht. Weil er früher Mammuts jagte und dafür Saft und Kraft brauchte, isst er heute noch Steak, selbst wenn er nur noch hinter dem Bus herlaufen muss. Und sie sammelte Beeren und Kräuter und kam davon nicht mehr los. So oder ähnlich lautete die gängige Erklärung. Eigenartig, dass sich bei Affen Männchen und Weibchen nahezu gleich ernähren. Aber die kochen ihr Essen ja auch nicht. Erst das Herdfeuer hat zu einer Ausdifferenzierung der Geschlechterrollen geführt, glaubt der amerikanische Anthropologe Richard Wrangham.

Natürlich gibt es physiologische Unterschiede. Männer haben einen höheren Anteil Muskelmasse, Frauen einen höheren Körperfett-Wasser-Anteil. Daraus könnte man ableiten, dass Energie und Nährstoffdichte der Nahrung anders zusammengesetzt sein sollte. Der jeweilige Hormonhaushalt bedarf anderer Spurenelemente. Senf zum Beispiel soll gut für die Prostata sein. Doch erklärt das, warum er noch eine Wurst dazu isst?

Vielleicht ist das alles eine riesige Verschwörung. Er hat ihr über Jahrtausende die besten Stücke vom Filet vorenthalten, sich darüber zum dominanten Muskelprotz entwickelt. Und sie, gefangen in der Geschlechterrolle, kämpft mit Bulimie und Body-Mass-Index. Denis Scheck und Eva Gritzmann legen sich da lieber nicht fest. Stattdessen werben sie für eine Schule des guten Geschmacks, denn der droht beiden Geschlechtern peu à peu abhandenzukommen.

Und sie würzen ihr Buch mit lustigen Experimenten. Eines meiner liebsten geht so: Bevorzugen Sie mal eine Woche lang solche Produkte, die sie dem anderen Geschlecht als typisch zubilligen. Seit Tagen ernähre ich mich deshalb, so wie meine Frau es gerne hätte, mit Vollkornknäcke, Brunnenkresse, Radieschen und Hüttenkäse. Ich habe schon ein Kilo abgenommen. Würde nur so aus männlicher Neugier aber gern mal wissen, was eigentlich die Kassiererin im Supermarkt jetzt von mir denkt, wenn sie meinen Korb sieht.

Aus dem Tagesspiegel