Thomas, einer der fleischliebenden Männer, mit denen ich zusammen gelebt habe, plante seine Mahlzeiten nach dem Prinzip: Wenn es kein Gesicht hatte, schmeckt es nicht. Thomas ist ein netter Kerl, und wäre er von Schokolade abhängig, könnte er darüber einen männerhumorigen Beststeller schreiben, der dann mit Til Schweiger verfilmt werden würde. So aber prallte er nicht nur mit seinem schlechten Gewissen, sondern auch mit mir zusammen, die sich mehr oder minder versehentlich immer wieder auf einem Küchenstuhl wiederfand und gegen seine 99-Cent-Hackpakete anpredigte.

Wir wohnen schon seit Jahren nicht mehr zusammen, aber neulich traf ich Thomas wieder, zum Mittagessen. Er kaute an einem Schweinshaxenmmittagstischsonderangebot, aus deren Mitte ein beeindruckender Knochen ragte. Ich trank mein Bier. Der Prediger in mir war schon seit Längerem zur Ruhe gekommen. Trotzdem fühlte sich Thomas scheinbar angegriffen, denn er ließ seine Gabel sinken, sagte ein paar Sätze, die den blonden Saft in meine Luftröhre rutschen ließen: "Es ist zu lecker, und es gibt einfach noch keinen gleichwertigen Ersatz. Mal ehrlich, Tofu schmeckt nach nichts." "Aber", rief er mit erhobener Gabel, "das wird sich in Zukunft ändern. Bald gibt es künstliches Fleisch, das genauso lecker sein wird wie meine Haxe hier. Und das wird der Moment sein, in dem ich aufhöre, Fleisch von echten Tieren zu essen."

Was für mich zunächst wie eine abstruse Rechtfertigung klang, ist gar nicht so abwegig: Holländische Wissenschaftler haben bereits mit Erfolg Fleisch im Labor hergestellt – aus Stammzellen. Sieht also so die Zukunft aus? Werden wir bei einem Glas Wein und einem Brocken Kunstfleisch zusammensitzen? Und werden die Vegetarier und Veganer von heute mitessen? Irgendwie zweifele ich daran.

Bisher gibt es einige Probleme. Eines davon: Noch ist das Laborfleisch extrem teuer. Ein Stück kostet etwa 60.000 Euro. Nicht ganz das Budget des Durchschnittsbürgers. Und: Laut einer Studie der Europäischen Kommission halten 94 Prozent der Europäer das Kunstfleisch für keine Prachtidee, 54 Prozent lehnen es ganz ab.

Ja, aber – was wollen wir denn nun? Es gibt einen Punkt, an dem wir uns entscheiden müssen. Naturbelassenes Fleisch von Tieren, die ein gutes Leben geführt haben, Fleisch, das niemanden krank macht oder vergiftet, dazu noch billig und massenhaft – das können wir vergessen. Niemand, der in den letzten Monaten mit einem halboffenen Auge auf eine Zeitung oder einen Bildschirm geschielt hat, kann ignorieren, dass in der Fleischindustrie etwas schiefläuft.

Wir müssen deshalb nicht alle sofort Vegetarier und Veganer werden. Aber zwei Dinge müssen wir tun. Erstens: besseres Fleisch essen. Das heißt: Würste und Gulasch von Tieren, die Platz und Auslauf hatten, die gefressen haben, was ihrer Natur entspricht, und die niemand verstümmelt, stundenlang durchs Land gekarrt oder sonstwie misshandelt hat. Es gibt Alternativen, und zwar nicht wenige. Jeder, der will, kann eine finden.

Bioschnitzel werden nun auch in Discount-Supermärkten angeboten. Das ist einerseits eine gute Nachricht – Biofleisch ist damit massentauglich geworden. Andererseits ist Masse eben immer noch nicht Klasse, das gilt auch für Bio. Die Produzenten der Biowürste für die Discounter sind große Hersteller, für die Bioware nur ein Teil ihrer Produktion darstellt. Und sie müssen sich, sofern die Ware mit dem Biosiegel gekennzeichnet ist, an Standards halten, die nicht besonders hoch sind, wenn man sie mit Bio-Anbauverbänden wie Demeter oder Bioland vergleicht. Massentierhaltung ist auch für Biotiere möglich, wenn auch in etwas kleinerem Rahmen. Massenproduktion von Biowurst ist also keine ernstzunehmende Alternative. Nicht alles, auf dem "Bio" steht, ist auch nachhaltig. Umgekehrt ist nicht alles, das ein Biosiegel aufweist, besser für den Konsumenten und seine Umwelt. Trennen lässt sich beides nicht. Wir sind die Umwelt, da wir in sie eingebunden und abhängig von ihr sind. Das ist kein weltfremdes Traumgespinst, sondern knallharte Realität.

Es lohnt sich, statt der Supermarktware einen Metzger zu finden, der handwerklich arbeitet und über seine Fleischlieferanten Bescheid weiß. Ein kleiner Metzger, der selbst schlachtet, kann sich für jedes Tier die nötige Zeit nehmen. Das kann ein Biometzger sein, muss aber nicht. Nicht jeder Betrieb, der nach den Kriterien des Biosiegels arbeitet, behandelt seine Tiere gut, und nicht jeder konventionelle Bauer ist ein Tierquäler. Wenn Sie einen Metzger haben, dem Sie vertrauen, reden Sie mit ihm. Wenn möglich, kaufen Sie Fleisch direkt vom Hersteller.