Der Gebäudekomplex, der die Weinbörse beherbergt, ist ein städtebauliches Trumm, ein Bollwerk, das der Stadt Mainz den Blick auf den Rhein versperrt – Stadtplanung der 1960er Jahre. Es gibt kein Vorne, kein Hinten, kein Oben, kein Unten und was von diesem Gebäudemäander zur Rheingoldhalle zählt und was zu dem mit grauem Naturstein ummantelten Hotel Hilton, das bleibt ein Geheimnis.

Aber zurück zur Mainzer Weinbörse , auf der man sich bequem und halbwegs entspannt einen Überblick über die Weingüter verschaffen kann, die sich als die Speerspitze des deutschen Weinbaus verstehen. Der Weg an die Spitze war für den deutschen Wein alles andere als ein Zuckerschlecken. Rund 30.000 Winzer gibt es in Deutschland , 200 davon sind Mitglied im VDP , dem "Verband der deutschen Prädikatsweingüter". Der Name spielt auf die goldene Epoche an, als die Mitglieder unter diesem Zeichen vor allem süße Weine wie Spätlesen, Auslesen und Beerenauslesen erzeugten, die vor hundert Jahren praktisch mit Gold aufgewogen wurden. Doch zu lange hat sich der Verband der edelsüßen Brauchtumspflege gewidmet und seine Mitglieder vor allem aus aristokratischen Kreisen rekrutiert, die als die Krönung des deutschen Weinbaus galten, ohne das wirklich unter Beweis zu stellen. Erst in den letzten zwanzig Jahren zeigen zunehmend kleinere Weingüter ohne Adelspatente, Schlösser oder stattliche Villen, wo der Bartel den Most holt. Nach diesem Paradigmenwechsel erwirtschaftet der VDP rund 13 Prozent des gesamten deutschen Weinumsatzes bei nur 2 Prozent der Weinbaufläche.

Dieses Mal will ich ganz genau wissen, was die Mitglieder des VDP zu bieten haben. 2011 war nach dem schwierigen 2010 ein Jahr , das gerade bei den Basisweinen solide Brummer ins Glas gebracht hat und keine sauren Klappergestelle, die einem in 2010 das Probieren schon ein wenig verleiden konnten.

Ich nähere mich also dem Mittelrhein . Der fließt in der Rheingoldhalle zwischen Mosel und Nahe – genau wie im richtigen Leben, doch hier ganz praktisch von Tisch zu Tisch. Um es gleich zu sagen: Er tut mir leid, der Mittelrhein. Rechts und links in seinem engen Tal, das immerhin zum UNESCO Weltkulturerbe gehört, machen die dicht befahrenen Bahntrassen rund um die Uhr einen Höllenlärm. Sein Weinbau stirbt. Heute stehen auf seinen würzigen Böden nur noch rund 440 Hektar Rebfläche – vor hundert Jahren waren es mal 2.000. Und ich stehe jetzt mittendrin in diesem Biotop, im kleinstgeschrumpften Weinbaugebiet Deutschlands. Und dann tut sich plötzlich die Welt von Matthias Müller vor mir auf. Der ist Winzer in Spay bei Boppard. Die Müllers haben einen Neubau gewagt, im alten Ortskern haben sie ihn direkt neben das Familienfachwerkhausidyll gestellt: ein grau-weißer Kubus mit viel Glas, das vereinzelt flaschengrün leuchtet. Drinnen hat man einen herrlichen Blick auf die Fachwerkhäuser ringsum. Ein bisschen kühl wirkt das Ganze. Im Weinberg aber arbeitet sich Matthias Müller als einer der letzten Aufrechten an den steilen Schieferhängen ganz traditionell die Finger wund.

Weingut Matthias Müller, Spay

2011 Bopparder Hamm Ohlenberg Riesling Spätlese, trocken
Hier bahnt sich die salzige Frucht einen Weg zu den Geschmacksknospen. Kandierte Zitronen, die nach Ozean und Gischt schmecken. Sardellen treffen auf feine Fruchtsüße, der Wein ist ein flüssiges Paradoxon, hinübergerettet aus dem Devon. Das sind zweihundertzwanzig Millionen Jahre Erdgeschichte in jedem Schluck, sublimiert vom Riesling, der sich mit feinster Eleganz, tiefster Frucht und einem grandiosen Finale einbrennt.

2011 Bopparder Hamm Mandelstein Riesling Auslese
Das ist der Hammer! So knusprig, so klirrend am Gaumen, so verzehrend süß und doch scharfkantig klar. Ich glaube, den Herzschlag dieses Rieslings zu hören. Wie eine Kaskade rauschen die zur Beerenauslese konzentrierten Früchte ins Tal, immer tiefer den Schiefer hinab. Ein Hauch Bienenwachs hängt über der Szene. Am Ende bringt die fruchtige Säure das Glas fast zum Splittern.

Ich packe meine Siebensachen zusammen und lasse mich Rheinabwärts treiben, bei Koblenz geht es die Mosel rauf, dann links zur Saar . In Saarburg dann gehe ich vor Anker und stehe schon vor dem Stand vom Weingut Wagner .