Frage: Was veranlasst die Ernährungsexperten, kollektiv fettarme Kost zu verordnen?

Pollmer: Die Boshaftigkeit ist eine wesentliche Triebkraft. Wir haben bei keiner Ernährungsempfehlung, die die letzten dreißig Jahre verbreitet worden ist, einen belastbaren wissenschaftlichen Nachweis von irgendeinem wie auch immer gearteten Nettonutzen. Ernährungsberatung ist nebenbei bemerkt ein Treiben, das sich nur sehr bedingt an Männer wendet. Wenn Sie einem Mann sagen, er soll am Tag drei Liter trinken, hat es nicht denselben pädagogischen Wert, wie wenn man es zu einer Frau sagt. Der Mann kommt am Abend aus der Kneipe und sagt "Alles klar Schatz, hab die drei Liter getrunken!", dann ist das Thema für ihn durch. Die Ernährungsberatung wird von Frauen ausgeübt und dient dazu, namentlich Frauen zu destabilisieren, ja sie fertigzumachen. Es ist Gewalt von Frauen gegen Frauen.

Frage: Sie reden von vorsätzlicher Destabilisierung? Welchen Sinn soll die haben?

Pollmer: Angefangen hat der Ernährungsberatungswahn mit dem Ziel, den Damen zu erklären, sie müssten magerer werden, weil sie dann schöner seien. Jetzt sehen wir aber seit fünfzig Jahren auf der ganzen Welt, dass sie davon nur fetter werden. Gibt es nicht ein gutes Gefühl, Konkurrentinnen zu eliminieren, indem ich ihnen einen Rat gebe, der sie unansehnlicher macht? Für den Fall aber, dass es tatsächlich zu einem Abschmelzen ihrer Fettpolster kommt, sind fatalerweise die Reservefette der Frau als Erstes dran. Die Reservefette befinden sich in ihrem Busen und dem Po. Und es gibt offenbar nichts Erhebenderes, als wenn bei der Konkurrentin Busen und Po schlappmachen. Außerdem wissen die Urheber dieser Ratschläge sehr genau, dass man, wenn man sich fett- und kalorienarm ernährt, ziemlich bald unausstehlich wird. Hunger ist eine der stärksten Kräfte, um die Menschen reizbar zu machen. Damit kann man das Sozialsystem der betroffenen Frauen ruinieren.

Frage: Fänden unsere Kinder das Prinzip Pizza abscheulich, schreiben Sie, dann würde man sie ihnen zwangsverabreichen?

Pollmer: Genau! Dann gäb’s Schulungen! Die Ernährungspäpste würden Kochkurse fordern, um den Wert der Pizza zu preisen: wertvolles Getreide, das gute Olivenöl, der Käse mit seinem für die Knochen wichtigen Kalzium, es würde doziert, wie vorteilhaft die verschiedenen Beläge sind, Ananas, Gemüse, Sardellen, oder auch ein bisschen Schinken. Aber nein, die Kinder stehen auf Pizza, also ist sie des Teufels.

So entstehen viele Ammenmärchen. Woher kommt zum Beispiel die Idee, dass Salz gefährlich ist? Wer mit Land- oder Forstwirtschaft zu tun hat, weiß, dass die Tiere mit Salzlecksteinen besser gedeihen und gesünder sind. Der Hang zum Salz ist uns allen angeboren, viele Wildtiere unternehmen dafür lange Wanderungen, offenbar lohnt der große Aufwand. Man kann auch nicht zu viel davon erwischen, weil jeder Salzüberschuss zu Durst führt, um es schnell wieder auszuschwemmen. Das Salzlecken verschafft, weil es biologisch sinnvoll ist, Befriedigung. Genau das war Anlass zu sagen, "Oh Gott, eine Verlockung des Teufels". Einer der namhaften Täter auf diesem Gebiet war der Arzt und Gesundheitsapostel Bircher-Benner. Der hat damals, zusammen mit Kollegen in der Schweiz, dort, wo die Calvinisten und Zwinglianer ihr Unwesen trieben, versucht, den Teufel aufzustöbern. Wenn man den in flagranti erwischt und austreibt, bleibt die Menschheit gesund. Irgendwann hat Bircher-Benner mit Kollegen Tabak gegen Salz getestet. Da hat er doch glatt herausgefunden, dass man auf Salz weniger leicht verzichten kann als auf Tabak. Das will was heißen, denn Bircher-Benner war Kettenraucher. Aus dieser Erfahrung hat er dann geschlossen, dass Salz ein schlimmeres Teufelswerk sein muss als Tabak. Dann hat er zur Untermauerung seine These noch geschaut, ob es ein Völkchen gibt, das ohne Salz auskommt. Das fand er in der Arktis. Die Eskimos fischen ihr Essen aus dem Salzwasser, die brauchen keinen Salzstreuer. Er hätte das Salz auch gegen das Atmen testen können, dann hätte er herausgefunden, dass Atmen noch eine viel gefährlichere Verlockung ist, weil der Verzicht aufs Atmen noch schwerer fällt als das Mümmeln salzloser Kost.

Frage: Millionen von Frühstückseiern atmen jetzt dankbar auf. Und ein paar Millionen Leser interessieren sich bestimmt für eine andere These von ihnen: Ein gesunder Erwachsener mit Übergewicht, der von seinem Hausarzt den Rat bekommt, mit einer Diät dagegen anzugehen, darf ihm den Vogel zeigen und einen Eisbecher essen gehen?

Pollmer: Auf Wunsch gern mit Sahne. Übergewicht ist ein dubioser Begriff, so wie Überintelligenz. Wenn ich Körperhöhe und Körpergewicht ins Verhältnis setze, um mit einer beliebigen Formel eine Zahl zu generieren, um auf einer Skala von fünfzehn bis fünfzig die gesundheitliche Zukunft eines Menschen vorauszusagen, bin ich entweder bescheuert oder skrupellos. Auf jeden Fall befinde ich mich jenseits des wissenschaftlichen Weltbildes. Der BMI ist etwa so, wie wenn ich versuchen würde, aus Schädelumfang und Körpergröße den Intelligenzquotienten einer Ernährungsberaterin zu berechnen. Alle gesunden Menschen über dreißig haben einen erhöhten BMI, und das gehört zur biologischen Entwicklung, zum Älterwerden. Das Körpergewicht hat herzlich wenig mit den Essgewohnheiten zu tun. Das ist eine der magischen Vorstellungen unserer Gesellschaft.

Frage: Das ist Ihr Ernst?

Pollmer: Zunächst: Wir brauchen die meiste Energie nicht für die Bewegung, sondern fürs Heizen. Der Mensch ist bekanntlich siebenunddreißig Grad warm. Ein System Tag und Nacht auf dieser Temperatur 
zu halten, kostet verdammt viel Energie. Deshalb essen wir. Kalorien sind nicht umsonst eine Energieeinheit für Wärme. Wenn jemand schlaksig ist, mit wenig Unterhautfettgewebe, also auch schlecht isoliert, dann hat der natürlich hohe Wärmeverluste und damit einen hohen Energiebedarf. Der muss den ganzen Tag futtern, damit er heizen kann.

Wenn jetzt einer auf die komische Idee kommt, eine Diät zu machen, dann kompensiert der Körper den Energiemangel, indem er die Wärmeabgabe vermindert. Das heißt, er bremst die Durchblutung der Extremitäten. Das Ergebnis sind kalte Füße und kalte Hände, Arme und Beine. So gleicht der Körper das, was beim Essen gespart wurde, mehr als aus und kann nun die Überschüsse nutzen, um die Isolation zu verbessern. Da wir hier in einer kalten Region leben, muss vor allem der Bauch gut isoliert werden, denn darinnen befinden sich die Organe. Vor allem Menschen, die zur Korpulenz neigen, also Pykniker, können diesen Speck recht schnell anlegen. Der Hagere kann das nicht. Er kann mal geringfügig etwas zulegen, aber wenn er unter Druck gerät, dann nimmt er wieder ab. Der Korpulente nimmt unter Druck zu. Und wenn er mal loslässt, zum Beispiel einen entspannten Urlaub macht, dann nimmt er ab, egal, wie viel er isst.