Matt O'Connor versteht eine Menge von Eiscreme. Und davon, wie man sie richtig gut verkauft. Seine Strategie heißt Provokation, die Sex Pistols und Vivienne Westwood lassen grüßen, wenn O'Connor und Gefolgschaft unter dem Namen "The Icecreamists" Tiefgefrorenes zum Kinderschreck machen. Oder besser gesagt: zum Behördenschreck. Denn als O'Connor seine Eisdiele in Covent Garden mit der Sorte Baby Gaga im Angebot eröffnete – Eiscreme aus Muttermilch – stand schnell das Londoner Gesundheitsamt vor der Tür. Natürlich war auch der Boulevard da und dann auch bald ein Brief von Lady Gaga, die sich die Verwendung ihres Namens für dieses Eis juristisch verbat. Mehr Aufmerksamkeit für einen neuen Eisladen war selten. 

In seinem kürzlich auf Deutsch erschienenen Kochbuch Exklusive Eiscreme und andere Laster steht das Rezept für das Muttermilch-Eis nun unter dem unstrittigen Namen Baby Googoo mitsamt der ganzen, höchst britischen Gossip-Geschichte. Doch der Leser sollte sich weder von den Namen zwischen bizarr und erotisch-schwül, noch vom krawalligen Layout des Buchs abschrecken lassen. Ihre Zutaten wählen die Icecreamists mit Bedacht, viel Fantasie und Liebe zu starken Aromen. Auch wenn die Beschaffung nicht selten eine Herausforderung ist, die punkigen Rezepte brechen wohltuend mit dem Erdbeer-Vanille-Schoko-Schema.  

Chocwork Orange beispielsweise kombiniert Bitterschokolade mit Orangenextrakt. Eine "Gehirnwäsche" versprechen die Icecreamists mit einem Sorbet, dessen Hauptzutat englischer Cider ist, nicht zu verwechseln mit dem französischen Cidre. Zum Spiel mit den Symbolen von Punk und Rock 'n' Roll gehört Alkohol natürlich dazu. Eiscreme-Cocktails ist ein ganzes Kapitel gewidmet: Omertá kombiniert Pistacchio-Eiscreme mit Sesam, Zimt und Aprikosenbrandy, wer Lust auf ein "Schleudertrauma" hat, begießt das Glastonberry-Beerensorbet mit Himbeer-Wodka und schmückt es mit Orangenschale.

Matt O'Connor: "Exklusive Eiscreme und andere Laster" © Edition Fackelträger

Manchmal stülpt O'Connor auch nur ein schrilles Kostüm über einen Klassiker. So steckt hinter der Sorte Knast das Rezept für ein klassisch-luftiges italienisches Crema-Eis, und der Eisdielenveteran aus Mascarpone und Amarenakirschen bekommt den neuen, schmissigen Titel Under The Cherry Spoon.

Um zu prüfen, ob der Eis-Extremismus hält, was er verspricht, habe ich gleich drei Rezepte ausprobiert. Das Erdbeer-Balsamico-Eis Scarlett, eine Kalter Schweiß getaufte Sorte mit Chili und Ingwer und das gediegene Earl-Grey-Sorbetto Savoy Chill. Für die sahnigen Cremes werden zunächst Milch und Crème Double erhitzt, sowie Eigelb und Zucker zu einer cremigen Masse verrührt. Kleingewürfelter Ingwer, Zitronengras und Chili machen nur einen Abstecher in der heißen Sahnemasse und werden mit einem Sieb wieder ausgefiltert. Dann Sahne- und Eimasse mischen, in der Eismaschine cremig rühren und anschließend für ein paar Stunden ins Gefrierfach. Die Zubereitung des Sorbets ist einfacher: Zucker und geschmackgebende Flüssigkeit, in diesem Fall Tee und Gewürze, werden verrührt und in der Eismaschine mit Eiweiß aufgeschlagen.

Am überraschendsten war das scharfe Chili-Ingwer-Eis, das im Mund abwechselnd Hitze- und Kältewellen auslöst. Das Earl-Grey-Sorbet Rolle hinterlässt den feineren Eindruck eines elegant aufgemotzten Eistees.

Der Nachteil des extremen Kochbuchs: Für die meisten Milcheisrezepte verwenden die Icecreamists Crème double mit einem Fettanteil von 45 Prozent. In London steht sie becherweise in jedem Kühlregal, doch in Deutschland ist Crème double schwer zu bekommen. In Rezeptforen wird empfohlen, als Ersatz Mascarpone und Sahne zu mischen.

Mehr kühl als cool

Wer es kühl mag, aber es nicht ganz so cool braucht, könnte auch mit Elisabeth Johanssons Eis glücklich werden. Experten für Kälte sind die Skandinavier ja: Sie essen mehr Eis als alle anderen Europäer.

© AT Verlag

Johanssons Buch ist deshalb eine gute Alternative, weil die Zahl der Zutaten geringer ist und die Autorin weniger verschwenderisch mit Milchfett umgeht. Eis enthält viele Rezepte für Semifreddos, Wassereis am Stil, Sorbets und Granités. Blaubeer-Joghurteis klingt ebenso verlockend wie Holunderblüten-Birnen-Paletas, mit Lakritz-Semifreddo und Campari-Orange-Granité wird auch die Lust auf Neues bedient.

The Icecreamists: Exklusive Eiscreme und andere Laster, Edition Fackelträger, 19,95 Euro
Elisabeth Johansson: Eis, AT Verlag, 19,90 Euro