Es waren die Jahre nach 1968. Eine Karawane von klapprigen R4s, Enten und VW-Bussen überquerte die Alpen bei Bozen und ergoss sich hinter Bologna ratternd und klappernd in das toskanische Hügelland. An den Lenkrädern saßen diskussionsgestählte Studenten mit Vollbärten und Gesellschaftswissenschaftlerinnen, die dem verpönten BH für immer abgeschworen hatten.

Sie kamen aus Berlin, Frankfurt, Tübingen. Sie öffneten die Autotüren und setzten ihre Sandalen auf unberührte toskanische Erde. Und sie fanden: einen Dreiviertelliter Chianti in einer bauchigen Glasflasche, liebevoll eingeflochten in ungebleichten Bast – die Urflasche! Um die Flasche herum versammelten sich glückliche Einheimische, die von Fernsehen, BILD und Coca-Cola verschont geblieben waren. Ihre Flasche nannten sie seit Jahrhunderten "Fiasco". Die Flasche und ihr Inhalt galten den Weinpilgern, fortan als Ausdruck unverfälschter Kultur und größter Naturnähe. Glückliche, verarmte Kommunisten, Dauersonnenschein und dieser Rotwein – das gelobte Land! Italien war also entdeckt.

Der Rest dieser Geschichte ist Geschichte. Die Toskana-Pioniere luden sich für die Rückfahrt ihre Enten und Käfer bis zum Achsbruch voll und sorgten zu Hause in Deutschland für den beispiellosen Siegeszug des Chianti. Die leeren Bastflaschen ließen sich so hervorragend als stimmungsvolle Kerzenhalter verwenden, dass die Stearin-Industrie eigens dafür die Tropfkerze entwickelte. Um viele Weine ranken sich schräge Mythen. Aber die Rezeption des wichtigsten Weins der Toskana in Deutschland sucht ihresgleichen. Die Geschichte des Chianti erzählt von der Sehnsucht nach Wärme, nach dolce far niente und einem Leben jenseits vermuffter Konventionen.

Seit damals hat sich vieles verändert. Aus dem bäuerlichen Tisch- und Tageswein, bei dem sich niemand viel gedacht hat, wurde ein Exportschlager, der in Massen produziert werden musste und in den 1970er Jahren immer dünner wurde. Das blieb nicht ohne Folgen: Als Erstes flüchteten jene masochistisch veranlagten Weintrinker, die einem Rotwein nur dann trauen, wenn sich Gerbstoff und Säure an der Schmerzgrenze bewegen, da das als untrüglicher Beweis für die Ehrlichkeit des Flascheninhalts gilt. Sie sagten ciao! zum Chianti und bienvenue! zum Vin de Pays aus Frankreichs Süden. Und dann gingen auch noch die hartnäckigen Fans der Italianitá von der Fahne, die den Brunello aus dem Süden der Toskana entdeckten. So verschwanden die Bastflaschen nach und nach aus den Regalen deutscher Weinhändler und der Chianti von den Weinkarten aller besseren Restaurants.

Doch in den 1980er Jahren zogen die Winzer im Chianti Classico, dem Kerngebiet der Region zwischen Florenz und Siena, die Notbremse und begannen rigoros auf Qualität zu setzen. Sie verbannten den bis dahin erlaubten Zusatz von Weißwein aus den Produktionsregeln des Konsortiums und schrieben vor, dass ausschließlich rote Trauben für Chianti Classico verwenden werden dürfen. Als sichtbares Zeichen der neuen Qualitätsoffensive klebten sie ihren Chiantis den Gallo Nero, den schwarzen Hahn, als Siegel auf den Flaschenhals. Und um Verwechslungen mit dem dünnen, sauren Bauernwein gänzlich zu vermeiden, entsorgten die Gallo-Nero-Winzer auch noch die vertraute, bauchige, bastumhüllte Fiasco und füllten ihren reformierten Wein stattdessen in schicke Bordeauxflaschen.