Noch ist es den meisten Franzosen peinlich, die Reste des eigenen Menüs aus dem Restaurant mit nach Hause zu nehmen. "Das ist kulturell bedingt: Man verlässt ein Restaurant nicht mit seinen Essensresten, es gibt ein gewisses Unbehagen, das zu tun", bedauert Bernard Boutboul von Gira Conseil, einem Marketing-Unternehmen für den Lebensmittelbereich. Jeder Versuch der Branche, die in den USA verbreiteten Doggy Bags auch in Frankreich einzuführen, ist bislang gescheitert. 

Doch nicht zuletzt die Wirtschaftskrise bringt im Feinschmeckerland Frankreich geliebte Gepflogenheiten ins Wanken: "Wir stellen seit ein bis zwei Jahren fest, dass die Kunden beginnen, spontan nach einem Doggy Bag zu verlangen", sagt Dominique Giraudier, der Chef der Flo-Gruppe, einer der größten Restaurant-Ketten Frankreichs. Als Gründe vermutet er die Wirtschaftskrise sowie die Debatte über die massenhafte Verschwendung von Lebensmitteln.  

Schätzungen zufolge werden in Frankreich bei jedem Restaurantbesuch zwischen 210 und 230 Gramm Lebensmittel pro Person weggeworfen. Die Restaurantbetreiber "wären begeistert, wenn die Kunden mit diesen Speisen nach Hause gehen würden, dann hätten sie schlicht weniger Abfall in ihren Mülltonnen", sagt Boutboul.

Denn: Ab dem Jahr 2016 müssen Hotels und Restaurants, die mindestens 180 Essen pro Tag servieren, ihre Nahrungsabfälle aussortieren und wiederverwerten. Sonst drohen ihnen heftige Geldstrafen. Der Regierungsplan gegen Verschwendung, der im vergangenen Juni von allen Beteiligten im Nahrungsmittelsektor unterzeichnet wurde, soll die Abfälle bis 2025 um die Hälfte verringern. Im Moment wirft jeder Franzose im Durchschnitt 20 Kilogramm Nahrungsmittel pro Jahr weg.

Auf diesen Zug ist Laurent Calvayrac aufgesprungen, der eine recycelbare Pappkiste entwickelt hat, die in den Ofen geschoben werden kann – "in der richtigen Größe, nicht zu groß, nicht zu klein" und leicht zu verschließen ist, sagt er. Im Internet wirbt Calvayrac um finanzielle Unterstützung, um seine Doggy Bags bald Restaurants anbieten zu können.  

"Wir schmeißen nichts weg"

Doch schon der Name Doggy Bag (Hundetüte) schreckt die Franzosen ab. Der Soziologe und Ernährungsspezialist Claude Fischler erinnert daran, dass die Bezeichnung eine Anspielung darauf ist, "die Reste dem Hund zu geben". Der Wissenschaftler am Forschungsinstitut CNRS ist sich sicher: "Das hallt im kollektiven Gedächtnis nach." Es werde nicht zuletzt durch die Hundefutter-Assoziation als peinlich empfunden, die Reste mitzunehmen.

Ausnahmen gibt es schon, sogar in Paris: Das Restaurant Le Goyavier, das Gerichte aus dem französischen Übersee-Département La Réunion auf der Speisekarte hat, bietet seinen Kunden schon seit der Eröffnung im Jahr 1986 Doggy Bags an. "Die Kunden sind manchmal überrascht, wenn wir ihnen vorschlagen, mit dem Rest ihres Gerichts nach Hause zu gehen, aber alle sind sehr zufrieden", erzählt Restaurant-Besitzer Raphaël Sery. "Wir schmeißen nichts weg, das verhindert Vergeudung."

Häufig liegt es schlicht am Gericht, ob die Kunden bereit sind, ihre Essensreste mitzunehmen. Sich ein Stück Pizza einpacken zu lassen, sei einfacher, sagt Giraudier von der Restaurant-Kette Flo. "Das Produkt ist schon eher an den Straßenverkauf angepasst, also gibt es weniger Hemmungen."

Der französische Hotel- und Gaststättenverband UMIH will jedenfalls einen neuen Anlauf unternehmen, um die Franzosen doch noch an das Mitnehmen der Essensreste zu gewöhnen. "In der derzeitigen Lage mit Krise und Kampf gegen die Verschwendung muss die Praxis der Doggy Bags neu belebt werden", fordert der Vizepräsident der UMIH-Restaurantsparte, Jean Terlon. "Die Bitte, seine Essensreste mitzunehmen, muss normal werden."