"Warum lösen Overknee-Stiefel bei mir immer noch den Pretty-Woman-Effekt aus?", fragt mein Bekannter Christopher, als wir in einem Berliner Restaurant sitzen und eine langbeinige Blondine beobachten. Zusammen mit ihrer Begleitung wartet die Frau an der Bar auf einen Tisch. Obwohl ihre Stiefel aus glattem schwarzen Leder und nicht aus Lackleder sind, vermutet er, das Mädchen sei ein Escort-Girl.

Die berühmtesten Overknees der Neunziger Jahre: getragen von Julia Roberts als "Pretty Woman" © dpa - Bildfunk

Ich schüttle bekümmert den Kopf. "Das liegt an deiner Julia-Roberts-Obsession, dem Steckenbleiben in den Neunzigern und deiner modischen Unkenntnis. Overknee-Stiefel werden diesen Winter auch von anständigen Frauen getragen. Und zwar genau so, wie sie es macht. Edles Velour- oder Nubukleder, keine Stöckel – sondern ein wuchtiger oder flacher Absatz. Dazu trägt man etwas Schlichtes, was auf keinen Fall an einen blau-weißen Stretchmini erinnern darf."

Das Overknees so schnell anrüchig wirken, ist eigentlich nicht fair. Denn nicht Julia Roberts, sondern die britische Geheimagentin Emma Peel hat sie in den Sixties groß gemacht. Erfunden wurden die Stiefel, die immer über- und niemals unterhalb des Knies enden, nämlich nicht, um Männer kirre zu machen, sondern um vor Nässe und Kälte zu schützen. Und genau das tun sie auch diesen Winter.

Nadja Auermann, die Frau mit den angeblich längsten Beinen der Welt, kann Overknee-Stiefel bedenkenlos tragen. Für alle anderen ist Vorsicht geboten

Den Overknee-Trend haben diverse Modedesigner eingeläutet, allen voran Muiccia Prada, die ihre Models in überlangen Stiefeln auf den Laufsteg schickte, die sie mit einer Art Straps am Oberteil befestigte. Das sollte vermutlich sexy aussehen, erinnerte in der Form aber eher an eine durchgeknallte Hobby-Anglerin. 

Straßentauglicher sind die Legging-Boots von Stella McCartney. Die wirken zwar, als seien sie aus Leder, tatsächlich bestehen sie aus veganem Material und sitzen wie eine zweite Haut. Die von Isabel Marant (eigentlich bekannt für ihren Neo-Hippie-Stil) sehen aus wie ein langer, schwarzer Strumpf und sind in Paris eigentlich immer ausverkauft. Was wahrscheinlich daran liegt, dass es dort viele modeverrückte Französinnen mit Gazellenbeinen gibt.

Grundsätzlich müssen bei Overknee-Stiefel ein paar Regeln beachtet werden. Wichtig sind Spitze und der Schaft des Schuhs. Niemals Weiß und niemals Lack! Wer schlau ist, trägt sie zu Leggings, Röhrenjeans oder kurzen Kleidern. Dank des langen Schafts halten sie tatsächlich warm, schmücken aber tatsächlich nur Frauen mit langen Beinen. Alle anderen sehen damit aus wie ein gestiefelter Kater in gestauchter Version.