Ihre Kindheit riecht Daniela Andrier noch heute: "Wir hatten zu Hause in Heidelberg ein Dachzimmer, ganz aus Holz, in dem unsere Aupair-Mädchen wohnten. Es war erfüllt mit einem ganz lieblichen Geruch, sinnbildlich für die jungen Frauen, die sich damals um uns gekümmert haben." Andrier erinnert sich an die geschälten und mit Zitrone beträufelten Äpfel im Kindergarten, an die süßlich duftenden Mottenkugeln oder an die Leinwand, auf der sie mit ihrer Familie Super-8-Filme anschaute, und die so gut nach Zedernholz roch. Selbst die Konzertbesuche mit ihrem Vater hat Andrier als Dufterlebnisse gespeichert: "Wenn mich die Musik nicht ablenkte, habe ich mich immer damit beschäftigt, um mich herum zu riechen. Damals hatten Parfüms noch so starke Identitäten, dass man seine Mitmenschen daran erkennen konnte. Heute ist das leider nicht mehr möglich, da sich viele Parfüms ähneln."

Schon als kleines Mädchen experimentierte Andrier mit Düften und mischte im Badezimmer heimlich die Parfüms ihrer Mutter zusammen. Dennoch sei es ihr nie in den Sinn gekommen, Parfümeurin zu werden, sagt die 45-Jährige. Wäre sie in Deutschland geblieben, wäre es wohl auch nicht dazu gekommen, da es hier zwar Parfümhersteller, aber keine Schule gibt.

Doch ihr Weg führte Andrier nach Frankreich . Als sie 15 war, entschied ihr Vater, nach Paris zu ziehen. Für das Mädchen war es eine harte Zeit, zwei Jahre zuvor hatte sie ihre Mutter verloren. "Es war schlimm, alles hinter sich zu lassen, weder die Muttersprache zu haben, noch die Mutter selbst." Der Verlust der Mutter, der Heimat, der Sprache stärkte ihre Leidenschaft für Gerüche umso mehr. Düfte seien für sie ein wichtiger Trost gewesen, sagt Andrier, ein Bezug zur Vergangenheit. "Sie wurden auf einmal meine Wurzeln."

In Paris fing sie an, Philosophie zu studieren, doch als sie bei einem Abendessen von dem Beruf des Parfümeurs erfuhr, wusste Andrier sofort, dass dies ihre Berufung war. "Als ich verstanden habe, dass es diesen Beruf überhaupt gibt, wusste ich im gleichen Moment, dass ich Parfümeurin werden möchte. Es ging noch nicht mal um das 'ich möchte’, ich wusste: ‚das werde ich’." Danach sei alles ganz leicht gegangen, sagt Andrier. Durch Zufälle lernte sie Jean Amic kennen, den damaligen Präsidenten des Parfümherstellers Roure (heute Givaudan ). Er setzte sich für ihre Aufnahme an der berühmten Parfümerieschule in Grasse ein. Eigentlich sind dafür mindestens zwei Semester Chemiestudium Vorsaussetzung, doch Amic gefiel Andriers atypisches Profil. "'Parfümerie ist kein Matisse', hat er zu mir nur gesagt. Weil er wohl das Gefühl hatte, dass ich das Ganze so romantisch sah."

In Grasse, dem Ort, an dem Patrick Süskinds Das Parfum spielt, lernten Daniela Andrier und eine Handvoll Mitschüler Veilchen, Lavendel, Hyazinthe, Jasmin zu unterscheiden. In einem winzigen Raum waren die insgesamt sechs Schüler um einen einzigen Tisch versammelt. "Es war ein geschlossener Raum von Menschen. Wir saßen schweigend da und haben tagein, tagaus vor uns hin gerochen." Ständig wurde der Geruchssinn der Schüler geprüft. Andriers olfaktorische Kenntnisse waren schließlich so geschult, dass sie in der Lage war, berühmte Düfte in ihre Bestandteile aufzuspalten und nachzuahmen. Am Schluss konnte sie aus einem Parfüm ohne Probleme fünfzehn Zutaten und ihre jeweilige Dosierung herausriechen.