Frage: Herr Schönberger, mal ehrlich: Sie würden doch nie Jogginghosen tragen?

Dirk Schönberger : Doch, zu Hause schon.

Frage: Möchten Sie denn auch welche entwerfen?

Schönberger : Sie werden sich wundern: Früher hatte ich in meiner Kollektion ähnliche Modelle. Die waren allerdings anders geschnitten und besaßen eine Art Kurvenform. Bevor Sie fragen, ich mag auch Sneakers. Aber zu einem Anzug passen sie überhaupt nicht. Da bleibe ich nach wie vor bei Lederschuhen.

Frage: Viele Designer entwerfen mittlerweile Turnschuhe, Jogginghosen oder Kapuzenshirts. Ist Sport heute so ein wichtiges Thema der Mode?

Schönberger : Natürlich. Schauen wir uns hier im Soho House um …

Frage: … einem exklusiven Privat-Club in Mitte, in dem wir gerade unser Gespräch führen.

Schönberger : ... hier bin ich einer der wenigen, die Lederschuhe tragen. Auf der Straße wollen die Menschen Sneakers, und das muss ein Designer berücksichtigen. Auch wenn man sich das als kleiner Designer eigentlich gar nicht leisten kann.

Frage: Warum nicht?

Schönberger : Die Entwicklungskosten sind enorm hoch. Man muss für jede Sohle in jeder Größe eine Form entwickeln lassen, in der die Sohle eingegossen wird. Bei Lederschuhen kann man die Sohle ganz einfach ausstanzen. Das ist viel günstiger.

Frage: Sie sind seit wenigen Tagen neuer Kreativchef von Adidas. Was können Sie dort bewegen?

Schönberger : Vor allem freue ich mich auf diese großartige Aufgabe. Aber lassen Sie mich erst mal ankommen. Nach so kurzer Zeit meiner Tätigkeit dort will ich wirklich noch nichts dazu sagen.

Frage: Sie müssen doch genug haben von großen Häusern: Im Januar haben Sie auf der Fashion Week noch eine Kollektion für Joop! präsentiert, obwohl Sie bereits Ihren Abschied als Chefdesigner planten.

Schönberger : Ich bin immer noch Modefanatiker. Und das war ein wehmütiger Moment für mich, weil mir die Firma ans Herz gewachsen war. Ich habe daran geglaubt, aus Joop! wieder eine Modemarke machen zu können. Aber die Chance einer modischen Ausrichtung, die ich für eine Marke wie diese für existenziell wichtig halte, ging zunehmend verloren, sie wurde gesichtsloser. Und ich kann nur für eine Marke stehen, die nicht versucht, es allen recht zu machen. Diese Marken werden es in Zukunft schwer haben, oder sich einem Preiskampf stellen, den sie kaum gewinnen können. Mir ist die Entscheidung schwer gefallen. Es fühlte sich beinahe wie Verrat an.

Frage: Sind Sie gescheitert?

Schönberger : Das Gefühl hatte ich zunächst. Ich war auch ein wenig überrascht darüber, dass es in Deutschland bei manchen Entscheidern, auch im Handel, immer noch Angst vor Mode gibt. Und das, obwohl sich im Straßenbild immer mehr Mode durchsetzt. Mode soll Freiheit und Schönheit ausdrücken, trotzdem denken viele Menschen bei dem Wort sofort: Aha, jetzt geht der Karneval los!

Frage: Dabei schossen in den vergangenen zehn Jahren überall Modeketten aus dem Boden.

Schönberger : Ja, Häuser wie H&M und Zara, die vom Design bis zum Verkauf alles unter einem Dach vereinen, haben den Markt extrem verändert und die etablierten Marken in Bedrängnis gebracht. Die besaßen in den neunziger Jahren noch einen hohen Sex-Appeal.

Frage: An wen denken Sie?

Schönberger : An viele Marken. In den neunziger Jahren war ich Fan von Helmut Lang. Einer wie er fehlt heute. Dieser zeitgemäße Minimalismus und wenig auf Effekte setzende Avantgardismus ist heute zu oft Bombastinszenierungen gewichen, ohne dass die der Mode irgendwas Zusätzliches geben.

Frage: Haben die Modeketten nicht auch Gutes bewirkt?

Schönberger : Teenager wachsen dank H&M mit einem größeren Verständnis für Mode auf. In den frühen achziger Jahren, als ich in Köln aufwuchs, gab es nur Benetton – und, wenn man teure Jeans wollte, Fiorucci.

Frage: Was prägte damals Ihr Modeverständnis?

Schönberger : Ich hatte Glück, weil Jugendkulturen in der Zeit ungeheuer wichtig waren – die Punk, Mods oder New Romantics. Auch ich wollte mich dem Mainstream verweigern und habe nur Anzüge getragen, meist eng geschnittene, aus den sechziger Jahren, oder kurze Jacketts mit riesigen Bundfaltenhosen. Aus heutiger Sicht wirkt das lächerlich, aber es war eine Zeit mit richtigen Stil-Prinzipien: Zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr habe ich zum Beispiel niemals Jeans getragen.

Frage: Es mussten Anzüge sein?

Weil ich sie in den Musikvideos gesehen hatte – von Depeche Mode, Palais Schaumburg und Kraftwerk. Aber ich habe nie einen Look eins zu eins kopiert. Ich trug zum Beispiel alte Borsalino-Hüte meines Großvaters zu meinen Anzügen. Die Frisuren und Haarfarben von schwarz zu platinblond und zurück kamen noch dazu. Aber es war schwierig, so einen extremen Look ständig zu tragen: Ich konnte ja nicht wie ein Popstar zur Schule gehen.