Es war wohl konsequent, dass die heiteren Wunderkind-Entwürfe den Abschluss der Pariser Modewoche bildeten. Ihre Leichtigkeit fand sich auch in anderen Kollektionen. Auch abseits der Laufstege sprach man über die neue Stimmung der Kleider: "Die Krise ist vorbei."

Freudvoll konnte man Wolfgang Joops Frühjahrskollektion für sein Label Wunderkind nennen. Er verteilte Kirschen über den Laufsteg. Gedruckte natürlich, dafür aber überdimensioniert. Früchte auf Kleidern haben etwas grundsätzlich Gutgelauntes – vor allem, wenn sie auf Petticoats daherkommen. Das war bei Joop der Fall. Es folgten die buntesten Blütenprints, die bisher in Paris zu sehen waren. Mal waren sie durch ein schwarz-weißes Schachbrettmuster unterlegt, was ihnen eine gewisse Sachlichkeit gab. Dieser Eindruck wurde allerdings sogleich von den Zöpfen der Models wieder aufgehoben.

Das Ende der Krise war aus den Defilées tatsächlich herauszulesen. Weder Karges noch Weltflüchtiges war zu sehen. Niemand zeigte Kleider, die sich wappnen, niemand romantisch-florale Ausflüchte, niemand harte Sexyness. Stattdessen ein neuer Modernismus – der, wenn man genau hinschaut, von einer Art Mini-Kartell fabriziert wurde: Von Céline, Chloé und Stella McCartney. Interessant ist, dass die drei Designerinnen sich in ihrer Arbeit immer gegenseitig abgelöst haben. Der Reigen geht so: Stella McCartney war Chefdesignerin bei Chloé, Phoebe Philo ihre Assistentin. Wiederholt löste die eine die andere ab. Philo wurde Chefdesignerin von Chloé, jetzt ist sie Chefdesignerin von Céline.

Genau das wurde dieser Tage am Rand der Schauenwoche immer wieder moniert: Die Modewelt sei ungeheuer selbstreferenziell. Dieser Eindruck entsteht vor allem deshalb, weil mitten im Geschehen stets viele sind, die dieses Geschehen dokumentieren. "Das Modepublikum", sagte man gern, wenn von den Schauen die Rede war. "Die Modeöffentlichkeit", muss es jetzt heißen. Nicht nur das Fachpublikum reist nach Paris an und rapportiert die Modetendenzen. Die Moderedakteurinnen sind selbst zu zentralen Akteurinnen der Schauen geworden – die zahlreichen Blogger berichten über sie und machen Bilder von allem, was zum Defilée hineinhuscht. Das Interesse an den Prét-à-Porter-Schauen war jedenfalls nie größer als in dieser Saison. Nie war der Andrang bemerkenswerter.

Eine weitere Veränderung ist, dass Asien in der Modewelt immer wichtiger wird. In keiner Kollektion wurde das deutlicher als bei Marc Jacobs für Louis Vuitton. Er schickte zahlreiche chinesische Models auf den Laufsteg und zahlreiche chinesische Prints. Dabei war Jacobs´ Thema gar nicht China, sondern Susan Sontags Essay Anmerkungen zu Camp von 1962, der – grob verkürzt – eine Analyse der Lust am Überkandidelten ist. Der Louis-Vuitton- Laufsteg war vor allem eines: Eine grandiose Ode an das Zuviel.

Zwar murmelte der Kollege nebenan etwas von "Kitsch". Doch die einzig wirklichen kitschigen Entwürfe waren die Stricksweater mit den paillettenbestickten Tierköpfen – ein Tiger, ein Eber. Die anderen Entwürfe kamen mit faszinierendem Schillern daher: schwarz-bunte Fransenkleider mit Zwanziger-Jahre-Anmutung, durchsichtige Röcke aus Louis-Vuitton-Monogramm-Spitze. Fächer wurden gehalten wie ein parodistisches Accessoire des Femininen. Und die am traditionellen chinesischen Etuikleid Qipao orientierten Entwürfe schienen – auch das ist die Technik des Camp – sogar noch qipaohafter als das Original. Camp, schrieb Susan Sontag, sei der Triumph des Stils über den Inhalt. Für diese Pariser Modewoche gilt: Dieser Triumph hat stattgefunden.