Im schönsten Gebäude der Nationalestraat ist 2002 mit der “Modenatie“ die Mode in all ihren Facetten eingezogen. “Die Idee war, die Hauptakteure in einem Gebäude zu vereinen“, erklärt Edith Vervliet. Die Direktorin des Flanders Fashion Institut (FFI) hat ihr Büro im dritten Stock der Modenatie, gleich neben der Direktorin des Modemuseums und der Bibliothek.

Direkt darunter liegt die Ausstellung des Museums, das jährlich rund 80 000 Besucher anzieht und momentan die Hüte des Briten Stephen Jones zeigt. Und unter dem Dach, hinter verschlossenen Türen, die alle Nicht-Studenten ausschließen, sitzt die exklusive Kreativität der Modeabteilung, der 1663 gegründeten Königlichen Akademie für Schöne Künste – die heute von Walter Van Beirendonck geleitet wird.

Weil für Karriereplanung im strikten Stundenplan der Modestudenten kein Platz ist, wurde 1998 das FFI gegründet, das heute vor allem ein Jobcenter für die Modebranche ist. “Wir helfen jungen Leuten, Jobs oder Praktika zu finden“, sagt Edith Vervliet, die das Institut seit 2006 leitet. “Und sie können hier lernen, ihre eigene Kollektion zu starten, Businesspläne zu erstellen und Investoren oder Banken zu finden.“

Das nämlich kommt in der Ausbildung der Akademie viel zu kurz, findet Vervliet. Viele befürchten, die goldene Zeit Antwerpens könnte vorbei sein. Nach den “Antwerp Six“ folgte eine Generation mit A.F. Vandevorst, Bernhard Wilhelm, Veronique Branquinho und Raf Simons, die noch einmal fast genauso erfolgreich waren. “Anfang des Jahrhunderts kamen die wichtigen Leute zur Abschlussmodenschau der Akademie, weil sie fast jedes Jahr einen Weltstar hervorbrachte. Das ist heute nicht mehr so“, sagt Stephan Schneider. Die nächste Generation lässt schon einige Jahre auf sich warten, “die Schule muss sich weiterentwickeln“. An der Akademie wird immer noch am Zeichentisch unterrichtet, ohne neue Medien. Auslandaufenthalt und Praktikum sind unerwünscht, die Studenten leben in ihrer eigenen Welt.

Edith Vervliet glaubt, dass das zum Problem werden könnte. Ein eigenes Label gilt unter den Studenten nicht mehr als das Nonplusultra. “Viele wollen heute lieber bei kommerziellen Marken arbeiten“, sagt Edith Vervliet. “Dafür müssen sie die neuen Technologien lernen.“ Die Akademie aber hält entgegen, dafür sei in der dreijährigen Ausbildung keine Zeit. Schon jetzt brechen jedes Jahr mehr als 50 Prozent der Studenten die Ausbildung ab, weil die Akademie eiskalt aussortiert. Wer nicht überzeugt, wird nicht mehr gefördert und gibt früher oder später auf. Stephan Schneider fing mit 80 Studenten an, am Ende waren es nur noch acht.

Das FFI versucht die Lücke zu füllen. Zweimal jährlich wählt das Institut Nachwuchsdesigner aus, die in Paris im belgischen Showroom zeigen dürfen. Die Legende, dass belgische Labels so erfolgreich sind, weil der Staat sie finanziell unterstützt, bringt in Antwerpen viele zum Lachen. “Unsere Möglichkeiten sind sehr limitiert“, sagt Edith Vervliet.

Doch wenn es das Geld nicht ist, was ist es dann, das eine flämische Kleinstadt zu einer der wichtigsten Modeproduzenten der Welt hat werden lassen? Für Stephan Schneider ist es die Mischung aus Extravaganz und Alltag. “Antwerpen ist wie ein Dorf, in das man sich zurückziehen kann, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen.“ Hier gibt es noch den Schraubenladen anstelle des Baumarkts.