Die Kleider auf den Puppen sehen aus wie Uniformen für Hippie-Guerillas: Schmale Hosen unter wehenden, asymmetrischen Mänteln, alles monochrom in verschmierten Pastellfarben. Daneben steht ein Kleiderständer mit asymmetrischen Oberteilen in Schwarz und Rot – Entwürfe von Katarina Zablocki. Zablocki ist eine junge Designerin aus Malmö und zum ersten Mal mit ihren Entwürfen auf der Fashion Week. Zum ersten Mal in Berlin. Während der Modewoche soll sie nicht nur sich selbst, sondern auch die schwedische Mode promoten – zusammen mit einer Kollegin, im Haus der Nordischen Botschaften, während einer vom Fashion-Week-Sponsor Mercedes Benz initiierten Veranstaltung namens Swedish Fashion Goes Berlin .

Schwedische Mode – was die ausmacht, fasst Zablocki in einem Satz zusammen: "Schweden sind zurückhaltend und mögen es reduziert." Tatsächlich gehört Zurückhaltung in Modedingen traditionell zum schwedischen Selbstverständnis. Sehr schön illustriert das eine Fotostrecke aus einem Propaganda-Magazin, das die schwedische Regierung während des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte. Auf den Bildern ist Louise Mountbatten zu sehen, Kronprinzessin und spätere Königin. Die Kleider, die sie vorführt, sind einfach, klassisch. Sie trägt sie mit königlicher Bescheidenheit. Das Heft sollte der schwedischen Bevölkerung angesichts knapper Ressourcen vor Augen führen, wie gut es sich in schweren Zeiten (und auch sonst) auf Mode verzichten lässt.

Gleichzeitig sollte es für Bekleidung werben, die unkompliziert und zeitlos war. Frei von Standesdünkel. Für jeden zugänglich, gemäß dem sozialdemokratischen Ideal. Dass dafür ausgerechnet die schwedische Kronprinzessin Modell stand, ist ein Sinnbild für die Kontroverse, aus der sich schwedisches Design entwickelt hat: Louise Mountbatten war nicht nur adelig, sondern auch für ihre Exzentrik bekannt.

Schwedisches Design ist – und das nicht erst seit Eröffnung des ersten H&M-Ladens im Jahr 1947 – massentauglich, ohne dabei einfallslos oder plump gefällig zu sein. Die Designer der Gegenwart wie Camilla Norrback, Ida Sjöstedt oder Diana Orving, deren Kollektionen dieser Tage in Berlin zu sehen sind, führen bewusst oder instinktiv fort, was die Vordenker der schwedischen Industrialisierung erstmals gegen Ende des 19. Jahrhunderts propagierten: schiere Leichtigkeit. Eleganz mit Nutzwert.

Lässig, pur, zeitlos und immer mehr auch nachhaltig: damit sind schwedische Marken heute erfolgreich. Firmen wie Filippa K, Acne oder Ann-Sofie Back sind international etabliert. Ihre Entwürfe werden, wenn nicht in den eigenen Flagship-Stores, in Boutiquen vertrieben, die weniger auf Exzentrik und Opulenz setzen, als auf puristische, gut geschnittene Mode für jeden Tag.

Die Nachfrage nach schwedischer Mode ist ungebremst. Zwar hat die Weltwirtschaftskrise auch die gesamte skandinavische Modebranche Einnahmen gekostet und den Aufstieg des einen oder anderen Nachwuchsdesigners um einige Jahre verzögert. Doch jetzt erholt sie sich. In Berlin sieht man schwedische Mode zurzeit nicht nur auf der Bread & Butter und dem Laufsteg. Man sieht sie vor allem auch an den Modeliebhabern und -experten, die mit Tüten behängt zwischen Modenschauen und den kleinen Boutiquen rund um die Mulackstraße unterwegs sind. "Die schwedischen Medien sprechen bereits vom Mode-Wunder", sagt Jacob Östberg. Der Dozent vom Centre for Fashion Studies der Universität in Stockholm ist mit seiner Kollegin Ulrika Berglund angereist, um im Rahmen von Swedish Fashion Goes Berlin einen Vortrag zu halten.

Östberg erklärt das wachsende Interesse an schwedischer Mode weniger mit sozialdemokratischen Idealen, als mit dem Idealbild, das Menschen weltweit von Schweden haben: "Schönheit – besonders die schwedischen Frauen –, Natürlichkeit, Sportlichkeit. Auch Freizügigkeit." Attraktive Körper, aber kein Körperkult. Sex ja, aber bitte sauber. "Diese Bilder mögen längst nicht mehr stimmen. Dennoch beeinflussen sie die Rezeption schwedischer Mode und damit auch unsere Modedesigner", sagt Östberg.