Er habe sich "besonders abscheulich" verhalten. So begründete das Modehaus Dior, wieso es seinem britischen Stardesigner John Galliano nun kündigen wird. Der Kreativdirektor des traditionsreichen Unternehmens steht seit vergangener Woche unter heftiger Kritik, weil er in seiner Stammbar im Pariser Szeneviertel Marais wiederholt ausfallend geworden war und mehrere Gäste mit judenfeindlichen Bemerkungen beschimpft haben soll.

Am Montag hatte die Polizei ihn zu einer Gegenüberstellung mit einem Paar und einer Frau geladen, die ihn angezeigt hatten. Die drei blieben bei ihrer Darstellung, mehrere befragte Zeugen bestätigten die angeblichen Vorfälle dagegen nicht. Galliano gibt zwar zu, gepöbelt zu haben, bestreitet aber vehement, antisemitische Bemerkungen gemacht zu haben. Er reichte deswegen sogar Gegenklage gegen das Paar ein, mit dem er am Donnerstagabend aneinandergeraten war.

Der mehrfache "Britische Designer des Jahres“ hat seit 1996 die Mode für Dior entworfen. "Als ich bei Dior anfing, wollte ich die Spinnweben wegfegen, das Haus wieder zum Leben erwecken", sagte er einmal. Das ist Galliano durchaus gelungen: Er galt als Motor des Traditionshauses, das inzwischen einen Jahresgewinn von rund 700 Millionen Euro macht.

In der Modebranche hieß es nun, dass sich Dior trotz der Erfolge schon länger von Galliano trennen wollte. Die Antisemitismus-Affäre sei nur ein Vorwand. "Ich habe gehört, dass Dior nach einem Weg gesucht hat, ihn rauszuwerfen", sagte eine Kennerin der Szene. Der 50 Jahre alte Galliano sei "ein sehr netter, ganz ruhiger Mann", sagte ein junger französischer Modeschöpfer über den Briten, der seit vielen Jahren in Paris lebt. Er sei "alles andere als ein Widerling, das ist doch absurd".

Dramatische Taillen und lackrote Lippen: Die Dior-Kollektion von John Galliano bei den Haute-Couture-Schauen in Paris © Pascal Le Segretain/Getty Images

Das britische Boulevardblatt The Sun glaubt hingegen, die Vorwürfe erhärten zu können: Es veröffentlichte am Montag ein Video, das einen offensichtlich betrunkenen und Galliano ähnelnden Mann zeigt, der in einem Bistro Gäste anpöbelt. Lallend sagt er zu einer Tischnachbarin: "I love Hitler". Leute wie sie würden heute gar nicht existieren, weil ihre Vorfahren vergast worden wären. Unklar blieb allerdings, ob es sich bei dem Mann mit einem modischen Schiffchen auf dem Kopf tatsächlich um den Modeschöpfer handelte.

Das war für Dior nun offenbar nicht mehr entscheidend. Aus Angst vor Imageschäden hatte das Unternehmen seinen als schwierig und narzisstisch verschrienen Kreativdirektor zuvor schon suspendiert. Luxusmode lebt auch vom guten Ruf; das hatte ein Präzedenzfall der Branche kürzlich deutlich gemacht: Als Edel-Parfümier Jean-Paul Guerlain im Oktober in einem TV-Interview erklärte, er habe gerackert "wie ein Neger" – wobei er nicht wisse, ob die jemals so geschuftet hätten – hagelte es von allen Seiten Boykottaufrufe. Die Branche steht bis heute unter dem Schock der empörten Reaktionen.

Der Skandal um Galliano überschattete daher den Auftakt der Pariser Prêt-à-Porter-Schauen für Herbst/Winter 2011/12. Insgesamt stehen über 90 Schauen auf dem Kalender des neuntägigen Modemarathons. Doch die Aufmerksamkeit konzentriert sich nun auf die Dior-Schau an diesem Freitag. Das Unternehmen hatte der Zeitung Journal du Dimanche zufolge dem Hause verbundene Hollywood-Stars wie Sharon Stone schon vor der Oscar-Verleihung vorsorglich per Mail gebeten, keine öffentlichen Stellungnahmen zum Fall Galliano abzugeben.

Die israelisch-stämmige Schauspielerin Natalie Portman, für ihre Rolle in Black Swan mit einem Oscar ausgezeichnet und Gesicht der Miss-Dior-Kampagne, wollte offenbar trotzdem Position beziehen: Sie erschien in einem Kleid von Rodarte. Am Montag sagte Portman dann, sie sei "tief schockiert und angewidert" von dem veröffentlichten Video. Wegen dieses Clips und als ein Mensch, "der stolz darauf ist, jüdisch zu sein", wolle sie nicht mehr mit Galliano in Verbindung gebracht werden. Was das für ihren Werbevertrag mit Dior bedeute, ließ sie zunächst offen.

Auch Galliano ist trotz der Kündigung noch nicht fertig mit Dior. Der Modeschöpfer ist auch über sein eigenes Label mit dem Modehaus verbunden, das 91 Prozent der Marke John Galliano kontrolliert. Zudem dürfte auch die britische Regierung überlegen, wie es mit dem Fall umgeht: Im Jahr 2001 verlieh sie ihm den Verdienstorden Commander of the British Empire.