Es gab eine Zeit, da waren Tattoos noch etwas für Individualisten. Immerhin haftete ihnen noch bis weit in die achtziger Jahre ein Hauch von sozialem Außenseitertum an. Außerdem konnte man damit hervorragend seine Zugehörigkeit zu bestimmten Kreisen und Jugendkulturen zum Ausdruck bringen.

Spätestens seit den neunziger Jahren allerdings hat sich das Tattoo zum austauschbaren Massenphänomen entwickelt, man denke an Phänomene wie das berüchtigte Arschgeweih, esoterische Goa-Sonnen oder den Revolutionsstern. Die Funktion als Distinktionsmittel haben die unter die Haut gestochenen Farbpigmente so inzwischen weitestgehend eingebüßt.

Und doch – insbesondere unter jungen Großstädtern feiert die Tätowierung jenseits klassischer Airbrush-Optik und tribalen Motiven seit einigen Jahren eine beeindruckende Renaissance. Wenn auch in einer Form, die vielen althergebrachten Fans sauer aufstoßen dürfte.

Besonders beliebte Motivwahl derzeit: grafische Darstellungen, anarchische Experimente und Krakeleien im Stil von Kinderzeichnungen

Denn galten möglichst realistische Darstellungen und klar umrissene Motive lange Zeit als State-of-the-Art der Tätowierkunst, wirft eine junge Generation von Tattookünstlern und deren Kunden derzeit so ziemlich alle Regeln über den Haufen, die sich rund um das Tattoo in den vergangenen Jahrzehnten so etabliert haben.
Besonders beliebte Motivwahl derzeit: grafische Darstellungen wie geometrische Formen und gerade Linien, aber auch völlig anarchische Experimente wie wilde Schraffuren und Krakeleien im Stil von Kinderzeichnungen.

Zu den Mitbegründern dieser neuen Stoßrichtung in der Tätowierkunst gehört der französische Künstler Yann David alias Yann Black, der heute in Kanada lebt und im Südwesten Montreals ein eigenes Studio unterhält. Zusammen mit Kollegen wie dem aus Nantes stammenden Künstler Lionel Fahy hat er vor bereits einem knappen Jahrzehnt einen eigenen Tätowierstil etabliert, der auf gebrochene Niedlichkeiten setzt: Seine lang gezogenen grinsenden Strichmännchen, irren Fransen und geometrischen Linienmuster haben auf den ersten Blick einen grundnaiven Charakter, wirken jedoch bisweilen auch ein wenig wie dunkle Kratzer, was ihnen einen durchaus düsteren Einschlag gibt.

In Frankreich erfreuten sich die gar nicht so harmlosen Krakeleien damals schnell großer Beliebtheit und fanden insbesondere unter Tätowierern in Paris schnell Nachahmer. Dabei betont David allerdings, dass für ihn die eigentliche Revolution seiner kleinen abstrakten Kunstwerke weniger in der neuen verwegenen Motivwahl seiner Kundschaft liegt.

Stattdessen hebt Yann David das neue Verhältnis von Tätowierer und Kunde hervor, das er selbst mitgeprägt hat: "Viele Leute, oft Menschen, die sich nie tätowieren lassen wollten, kommen zu mir, weil sie meinen Stil mögen. Meist geben sie mir einfach nur ein vages Thema oder eine Idee vor und wir setzen das dann gemeinsam in einem Motiv um. Das ist manchmal ein sehr langer gemeinsamer Prozess, aber gerade das mag ich, denn es lässt mir Freiheit und jeder Kunde hat danach etwas ganz Persönliches."