Die Berliner Fashion Week vor wenigen Wochen war ein großer Erfolg: Auf dem Laufsteg zeigte die in Paris gefeierte Niederländerin Iris Van Herpen ihre avantgardistische Kollektion, mit 50 Schauen wurde ein neuer Rekord gebrochen und als Vorzeige-Promis waren Louis-Vuitton-Designer Marc Jacobs und Jil-Sander-Designer Raf Simons vor Ort.

"Die Fashion Week ist doch nicht mehr als eine große Party", sagt die Modedesignerin Agnes Lehmann (Name von der Redaktion geändert). Sie klingt frustriert, die Hände reibt sie unruhig aneinander, wenn sie auf ihren früheren Erfolg angesprochen wird. Noch vor wenigen Jahren war die 32-Jährige eine der umjubelten Newcomer der Berliner Modebranche. Die Besucher ihrer Schauen waren begeistert, Kritiker und Modeblogs überschlugen sich mit Lob. Und dennoch scheiterte ihr Label nach sechs Jahren.

Die Fashion Week ist nicht mehr als eine große Party
Agnes Lehmann

Lehmanns Geschichte will nicht so recht ins Bild der wachsenden Modemetropole Berlin passen: In keiner anderen deutschen Stadt verdienen so viele Menschen ihr Geld mit Mode, insgesamt 15.300 Personen arbeiten dauerhaft in der Branche. Das sind 30 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Rund 3.700 Unternehmen zählt die Berliner Modeindustrie. Inzwischen kann man sagen: Berlin ist Deutschlands Modehauptstadt. 

Kein Wunder, dass der Traum vom eigenen Label gerade in Berlin von so vielen jungen Designern geträumt wird. Sie alle wollen wie Alexander McQueen oder Yohji Yamamoto mehr als nur Klamotte machen, Mode als Kunstform begreifen – Kommerz gilt vielen als großer Feind.

Der künstlerische Prozess macht drei Prozent der Arbeit eines Modeschöpfers aus
Stephan Schneider

Genau das ist ihr Fehler, sagt der Berliner Modedozent und Designer Stephan Schneider. Er rät dem Berliner Modenachwuchs eindringlich, sich mit dem Markt und seinen betriebswirtschaftlichen Belangen auseinanderzusetzen. "Der künstlerische Prozess macht drei Prozent der Arbeit eines Modeschöpfers aus. Der Rest gilt den wirtschaftlichen und logistischen Gegebenheiten. Das wissen die wenigsten", sagt Schneider, der in Belgien sein eigenes Modelabel hat.

Agnes Lehmann wollte es nicht bei künstlerischem Ruhm und Ehre belassen, sondern tatsächlich verkaufen. Ihre Kollektionen waren erfolgreich, die Nachfrage groß. Was ihr fehlte, waren Kapital und betriebswirtschaftliche Erfahrung.

Lehmann fand ein Rundum-Sorglos-Paket: Ein Unternehmen, das versprach, die Infrastruktur, den Vertrieb und die Pressearbeit des Modelabels zu organisieren und sich um Investoren zu kümmern. Lehmann vertraute den Beratern und war froh, sich ausschließlich ums Design kümmern zu können, während sie den Rest machten. Als die Dienstleister jedoch Insolvenz anmeldeten, war auch Lehmanns Label am Ende.