ZEIT ONLINE: Sarah Moon, Ihre Bilder sind leise und mysteriös statt glamourös und sexy; sie wirken, als seien Sie immun gegen die großen Trends in der Modefotografie. Wie gelingt Ihnen dieser Widerstand?

Sarah Moon: Ich habe nie versucht, einem bestimmten Standard zu entsprechen, sondern ich habe eine eigene Sprache entwickelt. Als ich in den siebziger Jahren mit der Modefotografie anfing, war ich selbst Model. Fotografieren war nicht mein Job, meine Modelle waren Kolleginnen. Ich machte einfach, was mir gefiel. Mein erster Auftrag kam von Cacharel, weil eine Freundin dort arbeitete und mich um ein paar Bilder bat. Heute sind Modefotografien sehr standardisiert. Es gibt eine kodierte Bildsprache für Mode, die nicht meine ist.

ZEIT ONLINE: Zu dieser Bildsprache gehört auch, dass Models wie Stars inszeniert werden. In Ihren Fotos gibt es keinen Personenkult.

Moon: Als Model habe ich den Backstagebereich sehr geliebt und vielleicht bin ich deswegen mehr an dem interessiert, was abseits der Scheinwerfer passiert. Wenn ich fotografiere, dann ist es eine Arbeit in Zeitlupe und kein Blitzlichtgewitter. Das Gespräch zwischen dem Model und mir ist ein anderes. Ich arbeite nicht so viel mit bekannten Models oder Schauspielern, weil sie sehr festgelegt sind. Sie haben ein Image, dem sie entsprechen müssen.

ZEIT ONLINE: Die Models in Ihren Bildern wirken sehr feminin, aber frei von sexuellen Anspielungen.

Moon: Wenn eine Frau hinter der Kamera steht, findet ein anderer Dialog mit ihr statt als mit einem Mann. Und diese Intimität in den Bildern stelle ich bewusst her. Ich kenne ja das Spiel, weil ich selbst vor der Kamera stand, aber ich suche nach etwas anderem.

ZEIT ONLINE: Und zwar?

Moon: Wenn ich sage, meine Bilder entstehen in Zeitlupe, dann weil ich immer auf der Suche nach einem bestimmten Moment bin. Ich will, dass das Foto entsteht, als ob ich nicht da wäre, in dem Augenblick, in dem das Model sich umdreht oder davongeht. Dann passiert etwas, das man nicht künstlich herstellen kann. Ich mache seit 40 Jahren Modefotos und ich zeige nur sehr wenige. Die Bilder sind feminin, aber nicht provokativ.

ZEIT ONLINE: Ihre Frauen sind keine Verführerinnen.

Moon: Sie sind schön und deswegen auch verführerisch. Aber sie spielen nicht das Spiel der Verführung! Das ist ein Unterschied.

ZEIT ONLINE: Dafür sind sie geheimnisvoll, irgendwie entrückt. Wie kommt dieser Eindruck zustande?

Moon: Die Fotografin Diane Arbus sagte einmal: Fotografie ist ein Geheimnis über ein Geheimnis. Ich liebe diesen Satz, weil ich glaube, dass in einem Foto alles ein Geheimnis ist. Allein schon weil man einen Ausschnitt aus der Realität wählt und ihn einzeln darstellt. Ein Bild ist immer ein Einzelbild eines Films, der nicht gezeigt wird. Man weiß nie, was vorher passiert ist oder was danach passieren wird. Das Bild gehört dem Betrachter. In jedem löst es ein anderes Echo aus.