Häkelei im Kanzleramt!Laienmodelle präsentieren Kragen, Tücherund Schmuckdes Berliner Labels Rita in Palma. Wenig später erhaltendieGründerinnen,Ana Nuria Schmidt und Ann-Kathrin Carstensen , von der Bundeskanzlerin den Sonderpreis desStartsocial Awards, d e r   jedes Jahr Sozialprojekte in Deutschland auszeichnet . Die Designerinnen und ihre türkischen Näherinnen fallen sich in die Arme. Einer der Frauen, Zeynep, steht die Freude ins sorgfältig geschminkte Gesicht geschrieben: "Ich arbeite seit ein paar Jahren für die beiden. Dass die Sachen toll ankommen, freut mich sehr."

Was bei der Preisverleihung am Mittwochabend im Bundeskanzleramt wie eine eingespielte Partnerschaft wirkt, musste sich allerdings erst entwickeln. Aus einer Laune heraus beschlossen Schmidt und Carstensen 2009, dass sie mit Rita in Palma Häkel-Accessoires anbieten wollen. Keine Abendkleider, keine Handtaschen, nein, Häkelarbeiten. Aber die Umsetzung stellte ein Problem dar. Zwar hatten sie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin Modedesign studiert, doch Häkeln konnten sie beide nicht besonders gut. "Uns fiel dann ein, dass es doch so viele türkische Frauen in Berlin gibt, die diese Technik von klein auf beherrschen", erzählt Ana Nuria Schmidt im Atelier, während sie ihre einjährige Tochter im Arm hält.

Das erste Flugblatt auf Türkisch, das in Neukölln um Näherinnen warb, brachte jedoch nichts. Deshalb nahmen die Designerinnen direkten Kontakt zu einer Kreuzberger Kiezeinrichtung auf, in der sich türkische Frauen zum Häkeln treffen. Zunächst hat dort niemand die Projektidee der Designerinnen verstanden, auch aufgrund sprachlicher Barrieren. "Das war für die Frauen schließlich das erste Mal, dass jemand ihre Handarbeitskunst nutzen wollte", erinnert sich Schmidt.

Einige Treffen später fruchtete es. Eine Frau häkelte ein Stück, fünf weitere Frauen folgten. Und damit unzählige Gespräche. "Die Frauen sind einfach ängstlich. U-Bahn fahren, eine Rechnung schreiben oder eine Steuernummer beantragen – das sind alles Dinge, die viele von ihnen noch nie gemacht haben." Deswegen kommen Carstensen und sie ihren Näherinnen mit dem Modell Heimarbeitsfabrik entgegen. Nicht selten durchqueren sie ganz Berlin, um die "Häkelköniginnen", wie sie die türkischen Frauen nennen, im Wedding zu besuchen. Dort sitzen sie dann mit ihnen am Küchentisch und diskutieren neue Muster, was sich – bei Tee und Baklava – über Stunden hinziehen kann. Ein nicht zu verachtender Zusatzaufwand für die Designerinnen, der sich jedoch als vertrauensstiftende Maßnahme bewährt hat.

Bis zu zehn Stunden dauert es, bis ein handgefärbter Häkelkragen fertig ist, filigran wie ein Spinnennetz. Die Tücher, deren Borten von den Kopftüchern der türkischen Frauen inspiriert sind und die per Hand geknüpft werden, brauchen doppelt so lang. "Wir erklären unseren Näherinnen sehr genau, wie viel wir am Endpreis verdienen und wie viel der Einzelhandel bekommt. Trotzdem haben wir oft ein schlechtes Gewissen, weil wir denken, dass das Tuch viel zu aufwendig ist, für den Lohn, den wir zahlen. Auf der anderen Seite leben wir gerade selbst von Hartz IV", sagt Schmidt.