Vier Wochen Probe mit den Darstellern, mehr konnte sich Lucia Glass nicht leisten. "Das ist für meine Begriffe extrem wenig Zeit. Aber diese Beschränkung gehört zum Stück", sagt die Hamburger Choreografin. Sie hat für Sensation , das an diesem Mittwoch auf Kampnagel in  Hamburg Premiere feiert, nicht die großen Namen des zeitgenössischen Tanzes gebucht. Ihre fünf Protagonistinnen sind professionelle Laufstegmodels. Und die sind teuer, egal, ob sie die Entwürfe eines Designers präsentieren oder für ein Bühnenwerk den Beschränkungen und Freiheiten nachspüren, die Kleidung ihnen auferlegt.

Glass' Beobachtungen, die sie als Tänzerin gemacht hatte, brachten sie darauf, Mode zum Motiv eines Tanztheaterstücks zu machen. Vor Jahren spielte Glass in einem Stück der Choreografin Eszter Salamon einen Mann, trug Bart und Sakko. Ihr fiel auf, dass sie sich allein durch das Kostüm anders bewegte, männlicher. Statt in Sporthose und Stulpen probte Glass zudem gern in Alltagskleidung. "In Jeans auf der Bühne zu stehen, das hat mich immer inspiriert, auch wenn extreme Bewegungen dann nicht möglich sind", sagt sie. Und dann ist da ihre Begeisterung für die Art, wie Mode inszeniert wird – in der Modefotografie und als Event: "Diese 20 Minuten auf dem Laufsteg, in denen sich alles zeigen muss, das hat etwas von einer großen Performance."

Das Format "Modenschau", mit all seinen Regeln, hat Glass nun in ein Bühnenformat übersetzt. Deswegen hat sie sich gegen Tänzer entschieden: Die Kleider sollten Mode bleiben und nicht Kostüm werden. "Wenn ein Tänzer etwas anzieht, steht automatisch der Körper im Vordergrund", sagt Glass. Models dagegen stellten ihren Körper gewissermaßen in den Dienst der Mode. Das bedeutete auch, dass sich die Choreografin selbst den Regeln der Modebranche beugen musste. Nur über den Umweg der Modelagentur konnte sie mit ihren Darstellerinnen kommunizieren, Haare und Make-up machen nicht Maskenbildner, sondern Stylisten, die gezeigte Mode kommt aus den Ateliers von sechs Designern aus Hamburg und Berlin .

Zumindest letzteres ist nicht ungewöhnlich. Modedesigner haben Kostüme für Theater- und Ballettstücke entworfen, seit Coco Chanel 1924 den Tänzern des Ballet Russe kurze Overalls für das Stück Le train bleu schneiderte. Jean Paul Gaultier entwarf 2008 die farbenfrohen Kostüme für eine Schneewittchen -Inszenierung des Choreografen Angelin Prelijocaj, die auch am Berliner Staatsballett zu sehen war. Der Berliner Designer Michael Sontag arbeitete vor Kurzem für das Zürcher Schauspielhaus. Mit ihrem handwerklichen Können und ihrem Stil unterstreichen die Modemacher die Aussage des Stücks. Als Gegenleistung bekommen sie künstlerische Freiheit, nur limitiert von den Ansprüchen der Tänzer und Schauspieler, die sich in den Kleidern bewegen müssen.

Sensation dreht diesen Spieß um. Statt jede Bewegung zuzulassen, bestimmt die Kleidung die Bewegung. Der Körper ist gewissermaßen manipuliert durch Mode. Man kennt das selbst: In einem Bleistiftrock kann man nicht Fahrradfahren, in einer Jeans fühlt man sich bei formellen Anlässen unsicher, ein luftiges Spitzenkleid kann in einer warmen Sommernacht nicht nur andere, sondern auch den eigenen Körper erregen. Zudem lenkt das Stück den Fokus auf die Bewegung. Es ist eine Choreografie der Stoffe, Falten und Nähte, die Glass erarbeitet hat. "Ich wollte die Bewegung, die das Kleidungsstück macht, inszenieren. Wenn ich will, dass sich ein Overall bückt, dann muss ich mich darin bücken, aber ich mache es, damit das Kleid es tut. Das ist der Forschungsansatz."

Die Forschungsobjekte hat sich Lucia Glass von sechs sehr unterschiedlichen Modemachern erbeten. Einerseits arbeitet sie mit den alltagstauglichen Entwürfe von Paula Immich, Vladimir Karaleev und der Hamburgerin Kathrin Musswessels. Karaleevs fließende, schlichte und immer einen Tick unfertig wirkende Mode beengt die Model-Tänzerinnen nicht, gewährt aber tiefe Einblicke und fordert so durchaus einen selbstbewussten Auftritt. In der Kollektion von Musswessels dagegen kann die Trägerin sich ganz angezogen fühlen, auch wenn Glass einige der gerade so angesagten Minishorts ausgewählt hat.

Dem gegenüber stehen die eher experimentellen Kollektionen von Maha Shakar und Martha Binkowski. Die beiden jungen Designerinnen spielen mit Extremen in Material und Form. Shakar fertigte die Kleider für Sensation vollständig aus Neopren, dass sie zusammensteckt, anstatt zu nähen. Das schwere, aber samtweiche Material ließ die Darstellerinnen bei der ersten Anprobe fast erstarren, erzählt die 26-Jährige. "Ich wurde gefragt, ob sie die Arme hochnehmen oder sich darin hinsetzen dürfen. Da sieht man, wie viel Einfluss das Material eines Kleidungsstücks auf uns hat." Von Martha Binkowski hat sich Glass unter anderem eine schneeweiße Jacke geben lassen, die die Schulterpartie wie Flügel aussehen lässt. Aus den steifen, langen Armen blicken lediglich die Fingerspitzen heraus. Wie früher die Krinoline diktieren solche Entwürfe, wie der Körper sich in ihnen bewegen darf.

Es ist der Fokus auf das, was nach der Modewoche und dem Klingeln der Boutique-Kasse passiert, der Sensation zu einem sehenswerten Projekt macht. Glass' Arbeit hakt da ein, wo Mode auf ihre Bestimmung trifft, nämlich einen Menschen zu kleiden. Wie Glass letztes Projekt The Sound of it , in dem sie ihrem Publikum nur per Kopfhörer ein ganzes Stück präsentierte, überschreitet auch Sensation die Grenzen des zeitgenössischen Tanzes und sucht die Auseinandersetzung mit einer anderen künstlerischen Disziplin. Selten genug kommt es vor, dass einmal nicht Designer oder Mode-Experten über die Fragen reflektieren, was Mode ist und wie sie wirkt. "Wonach fühle ich mich heute, nach Jeans oder Seidenkleid? Das ist es, was ich dem Publikum etwas bewusster machen will."