Viel Zeit hat sie sich nicht gelassen. Im Februar kehrte Jil Sander als Chefdesignerin zu der Marke zurück , die sie 1968 in Hamburg gegründet hatte. Am Samstagmorgen, nicht einmal vier Monate später, zeigte sie auf der Mailänder Modewoche ihre erste neue Kollektion, für Männer.

Die Schau fand am traditionellen Schauplatz auf der Via Luca Beltrami statt. Es ist ein wichtiger Termin. Sieben Jahre lang hat der Belgier Raf Simons die Marke Jil Sander geführt und ihr einen sehr eigenen Stempel aufgedrückt. Seine Entlassung in diesem Frühjahr wurde in der Modebranche fast einhellig bedauert, auch wenn er kurz darauf den Platz von John Galliano bei Dior einnahm. Umso größer ist nun die Neugier auf die erste Kollektion der Hausherrin. Wie sieht Jil Sander Jil Sander heute? Kann sie an alte Erfolge anknüpfen? Suzy Menkes von der New York Times sagte sie, sie müsse die Marke "zurück zu unserem Erbe bringen". Selbstverständlich ist Menkes nun hier, um sich das anzusehen. In einem mintfarbenen Twinset sitzt die Kritikerin in der ersten Reihe, gleich neben ihr Tim Blanks, der für die amerikanische Vogue und das Männerheft GQ schreibt. Anna del Russo, die Chefredakteurin der japanischen Vogue ist auch da, und von Kopf bis Fuß gehüllt in einen aktuellen Entwurf von Sanders Vorgänger. Ein Warnsignal?

Als der letzte Stehplatz besetzt ist, geht das Licht aus, Spots tauchen nur den Laufsteg in einen kalten Schein. Die Schau beginnt. Als erstes fallen die fast züchtigen Shorts auf, überknielang und marineblau. Jil-Sander-blau. Zu den Boardshorts tragen die Models reinweiße Hemden und schmal geschnittene, überlange Jacken ohne Ärmel. Das erste Adjektiv, das einem beim Anblick dieser Entwürfe einfällt: weicher. Ihre neue Kollektion sieht weicher aus als alles, was Raf Simons in den vergangenen Jahren gezeigt hat. Er bevorzugte harte Silhouetten. Jil Sander selbst zeigt keine Schulterpolster, verwendet Wolle und Baumwolle. Der in der Mode derzeit so verbreitete Laserdruck und Tech-Appeal fehlt.

Zu Dreiviertelhosen kombiniert sie großzügig geschnittene Blousons in Olivgrün und Senfgelb. An den Füßen trägt der Jil-Sander-Mann im kommenden Sommer schwarze oder Two-Tone-Lederschuhe. Geometrische Muster in Grün und Gelb kreuzen über weiße Strickshirts. Hier diente die Arbeit des Malers Robert Mangold der Designerin als Inspiration. Ein langer, schwerer Trenchcoat schlägt dann doch eine Brücke zur letzten Kollektion von Raf Simons. Es gibt ihn in Cremeweiß und Schwarz. Dann folgen Muster, Blautöne auf Weiß, die Silhouette bleibt luftig und asiatisch.

Kann sie das Haus noch einmal erfolgreich führen?

In dieser Reihung und im Vergleich zu Raf Simons sieht die Arbeit von Jil Sander für Jil Sander fast ein bisschen harmlos aus. Weniger konturiert. Weniger exaltiert. Langweiliger am Ende? Ein Anzug genügt, um den leisen Zweifel daran, ob sie mit 68 Jahren die Marke noch einmal erfolgreich kreativ führen kann, auszuräumen.

Es ist der achtzehnte Look des Morgens, ein mittelblonder Wuschelkopf führt ihn vor. Schon am hektischen Klicken der Kameras hört man: Hier kommt etwas Richtungweisendes. Viel zu sehen gibt es nicht, und das genau ist der Punkt. Der Anzug ist schmal geschnitten, bordeauxfarben, die Beine sind leicht gekürzt. Dazu ein schwarzes Hemd. Ein einziges dekoratives Element sind Kontrastflächen in einem noch dunkleren Rot. Das war´s.