ZEIT ONLINE:  Madame Deniau, ihr guter Freund, der Modedesigner Alexander McQueen , ließ zu Lebzeiten keinen Fotografen in seine Nähe – abgesehen von Ihnen. Nun haben Sie das Buch Love looks not with the eyes veröffentlicht, das Ihre gemeinsame Zeit dokumentiert. Warum?

Deniau: Es ist eine Sache der Ehrlichkeit. Ich schulde ihm dieses Buch.

ZEIT ONLINE:  Warum schulden Sie es ihm?

Deniau: Weil er mir vertraut hat, seine Visionen und seine Arbeit abzubilden. Das konnte ich nicht für mich behalten.

ZEIT ONLINE: Da Sie die einzige Fotografin in seinem Umfeld waren, fungieren Sie als eine Art Wächter. Sie entscheiden mit Ihrer Auswahl, wie sein Werk nun wahrgenommen wird. Belastet Sie diese Verantwortung?

Deniau: Ja, definitiv. Er war brillant, aber sehr schüchtern. Er mochte es nicht, fotografiert zu werden. Wenn Magazine nicht einwilligten, die angefragten Porträts von mir machen zu lassen, hat er abgelehnt. Uns verbanden Stärken und Schwächen und unsere Extreme. Wenn ich mich für jemanden interessiere, dann gebe ich mich ihm vollkommen hin. Diese Hingabe hat er sicher genossen. Doch während unserer gemeinsamen Zeit habe ich nie innegehalten und gedacht, wow, er ist ein Genie, und ich bin die einzige, die ihn fotografieren darf. Es war unser Alltag. Ich habe erst nach seinem Tod im Jahr 2010 realisiert, dass es meine Pflicht ist, die Bilder zu veröffentlichen.

ZEIT ONLINE: Wie war Ihr erstes Treffen mit ihm?

Deniau: Ich wurde ihm Ende 1996 vorgestellt. Er war gerade als Designer der Haute-Couture-Linie zu Givenchy berufen worden. Wir haben uns "Hallo" gesagt, und dabei auf unsere Schuhe gestarrt. Drei Tage später traf ich ihn in seinem Atelier und begann zu fotografieren.

ZEIT ONLINE: Wie hat er reagiert?

Deniau: Jedes Mal, wenn er es klicken hörte, hat er hochgeschaut. Und er hat mich geärgert, sich über mich lustig gemacht. Die ersten zwei Wochen bei Givenchy testete er mich und ich bestand. Das war es. Ich hatte keinen Vertrag. Lee – Alexander war sein zweiter Name, alle nannten ihn Lee – wollte, dass ich da bin. Also war ich da.

ZEIT ONLINE: Gab es einen Schlüsselmoment, in dem Ihnen sein besonderes Talent klar wurde?

Deniau: Als ich ihn das erste Mal bei der Arbeit sah. Er nahm ein Stück Stoff und begann, es wie ein Bildhauer zu bearbeiten. Er sagte: "Stecknadel", "Schere" – wie ein Chirurg, niemand sprach, man konnte die anderen atmen hören und nicht einmal Sarah Burton (die jetzt seine Linie Alexander McQueen weiterführt, Anm. d. Redaktion) wusste, was er vorhatte. Es war faszinierend und ich habe nie wieder einen Designer so arbeiten sehen – weder Yves Saint Laurent , noch Jean Paul Gaultier oder John Galliano.

ZEIT ONLINE: Ist dieses Buch auch eine Art Rehabilitationsmaßnahme, weil Sie glauben, man hätte seine Arbeit nach seinem Tod noch nicht richtig gewürdigt?

Um weitere Fotos aus dem Buch zu sehen, klicken Sie bitte auf dieses Bild.

Deniau: Sein Talent wurde anerkannt. Aber es wurde zu viel über seine dunkle und makabre Seite gesprochen. Dabei war er eine sehr lebensfrohe Person, er lachte oft, war voller Energie und er hat hart gearbeitet. Sein Atelier war wie eine Kathedrale, ein Raum voller Licht, und für Lee war er heilig. Er durchlebte große Höhen und große Tiefen, aber ich verbinde mit ihm viel mehr Licht als Dunkelheit. Das Buch soll zeigen, wie zärtlich er mit seinen Mitarbeitern umgegangen ist. Sein Team hat sich in dreizehn Jahren kaum verändert. Er war treu, was in der Mode selten ist.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch geht es hauptsächlich um das Treiben backstage . Warum wollte er, dass Sie das dokumentieren?

Deniau: Ich glaube, das Wort backstage trifft es in diesem Fall nicht. Für mich waren es Bilder aus dem Innenraum. Um das Wesen seiner Kunst einzufangen, war der Raum hinter dem Laufsteg am besten geeignet. Hier galt seine Wahrheit: Die Models, das Make-Up, die Haare, die Outfits, hier war alles, wie er es sich vorgestellt hatte, seine Vision wurde lebendig. Nicht die Aufregung zählte, sondern die Nähe zu seiner Vision.