Die erste Überraschung ist, dass sich Carine Roitfeld als Journalistin bezeichnet. Sie möchte ernst genommen werden, nicht nur als Stylistin, sondern als Blattmacherin. Nach ihrem Abgang von der französischen Vogue will sie es allen beweisen: dass sie mehr kann, als wunderbare Kleider wunderschönen Modellen anzuziehen. Sie will Geschichten erzählen und inspirieren. Im besten Fall will sie darauf Einfluss nehmen, wie sich Frauen kleiden. "Ich war in einem goldenen Käfig gefangen", sagte Roitfeld, nachdem sie die französische Vogue verlassen hatte . Damit meinte sie, dass der Condé Nast Verlag viele Regeln aufstellt. Sie muss ein Armani Kleid fotografieren, auch wenn sie es nicht mag. Denn Armani schaltet Anzeigen, und ohne Anzeigen keine Vogue .

Laut verkündete Carine Roitfeld vorab, sie richte in ihrem neuen Magazin den Blick auf junge Talente: frische Fotografen, frische Designer – die neue Generation soll ein neues Forum bekommen. Der Condé Nast Verlag schickte vorsorglich eine Erklärung an alle kollaborierenden Fotografen, mit der Ansage, dass wer für Roitfeld arbeitet, nicht für Condé Nast arbeiten kann. Carine Roitfeld freut sich über dieses Zeichen von Angst und kommentiert, "mein Magazin wird ein Who's who der neuen Generation".

Jetzt ist CRfashion book am Kiosk . Es ist ein pralles Heft geworden, das Roitfeld zusammen mit Stephen Gan (Herausgeber des V Magazine und Visionaire ) herausgibt und verlegt. Es ist ein monothematisches Heft. Das Thema ist Rebirth . Inspiriert wurde Roitfeld von ihrer Tochter Julia und der Tatsache, dass Roitfeld jetzt zum ersten Mal Großmutter geworden ist. Das Editorial zeigt die hochschwangere Julia, dazu gibt es einen Text in dem Roitfeld ihre eigene Wiedergeburt erklärt; als Blattmacherin mit dem Fokus frisch, jung und frei zu sein.

Roitfeld ist keine Journalistin

Das Magazin beginnt mit einem prätentiösen Text von Amma Mata Aneitanandamayi. Sie ist ein indischer Guru, die von ihrer Anhängerschaft Mutter genannt wird und ausführlichst berichtet, was es bedeutet eine Mutter zu sein. Wenn uns Carine Roitfeld das selbst erzählt hätte, wie sie eine Karriere als erfolgreiche Stylistin und Blattmacherin lebte und gleichzeitig dabei zwei Kinder groß gezogen hat, würde man vielleicht an dem Text dran bleiben.

Gut, Roitfeld ist keine Journalistin. Vielleicht fehlt ihr das Gespür für gute Autoren und Geschichten, die man gerne liest. Die zweite Überraschung: Die Modestrecken haben ausschließlich altbekannte Fotografen gestaltet. Die Fotos sind lieblos aneinander gereiht, ohne dass zu erkennen wäre, dass es sich um die neue Garderobe für den kommenden Herbst handelt. Es gibt Mode von Chanel , Givenchy und Dior zu sehen, inszeniert von Fotografen älteren Semesters: Jean Baptiste Mondino (63), Bruce Weber (66), Nan Goldin (53) oder Karl Lagerfeld (79). Von Frische und Jugend ist keine Spur. Und auch nicht von der sonst für Roitfeld üblichen spektakulären Inszenierung der Mode.

Einmal liest man den Namen Michael Avedon und freut sich. Er ist der Enkel des Fotografen Richard Avedon und studiert in New York Fotografie. Damit sind die jungen Talente abgedeckt. Inhalte gibt es nur wenige. Einmal schreibt die Schauspielerin Anne Hathaway darüber, dass sie wirklich gerne Babys möchte, nur nicht jetzt. Und ein paar Modestrecken weiter geblättert, spricht die Schauspielerin Kirsten Dunst über Besessenheit.