Einfach nur schwarz – Seite 1

Das Kleine Schwarze von Chanel, neu interpretiert von Karl Lagerfeld © Mona Bismarck American Centre

Michelle Obama. Elizabeth Hurley. Jackie Kennedy, Wallis Simpson, die notorisch fashionable Herzogin von Windsor. Natürlich Stella McCartney, Kate Moss und Karla Bruni. Alle haben mindestens eins, auch unsere Mütter, ja, auch ich, Vintage übrigens, von meiner Mutter. Wer noch nicht mindestens ein kleines schwarzes Kleid im Schrank hat, dem wird mit diesem Artikel auch zu helfen sein.

"Das kleine schwarze Kleid muss luxuriös, reich, sinnlich, zweideutig, exotisch, streng, üppig, bescheiden, fordernd, frivol, amüsant sein, in der Erinnerung haften bleiben, aber vor allem muss es einfach sein und klein und schwarz." Besser kann man es nicht sagen als Carolina Herrera, die selber natürlich auch kleine schwarze Kleider entwarf. Herrera, die alle Mitglieder der Firma Jackie K. einkleidete bis zum Hochzeitskleid von Tochter Caroline, auch sie also schwarz und klein, wie es alle tun, schließlich ist das Kleine Schwarze so etwas wie die Türklinke der Couture, eine Herausforderung für jeden Designer, Yves Saint Laurent, Diane von Fürstenberg, Marc Jacobs, Azzedine Alaïa, Givenchy, Tom Ford, unvermeidlich Karl Lagerfeld. 

Alle sind inspiriert von einem einzigen Modell, nach Chanel natürlich, wie viele Jahre ist das her, dass ein Entwurf von Gabrielle Chanel die Modewelt veränderte? Jetzt ist eine Auswahl dieser Spielereien im Museum gelandet, bei Mona Bismarck in Paris, am Ufer der Seine, Avenue de New York, wenige Schritte vom Palais de Tokyo entfernt. Die Präsentation erdachte André Leon Talley, der selber auch ein Wunder der Modewelt ist, seit 25 Jahren Redakteur der amerikanischen Vogue, auch schwarz, wenn auch keinesfalls klein.

US-Modekritiker und Kurator André Leon Talley

Die Geburt des Kleinen Schwarzen war in der Zeitung annonciert worden. Es war der 1. Oktober 1926. Die amerikanische Vogue zeigte auf Seite 96 den Sketch eines Kleides, schmal geschnitten, enge lange Ärmel, kniebedeckend elegant. Darunter ein prophetischer Bildtext: "Chanel 'Ford' – ein Modell, das alle Welt tragen wird – 'Modell 817'. Schwarze Chinaseide. Das Oberteil, vorne lose wie ein Blouson, wird im Rücken straff gehalten. Besonders Chic die winzigen Biesen, die sich vorne kreuzen. Import: Saks-Fifth Avenue." Es war, wie gesagt, die amerikanische Vogue, weshalb das Kleine Schwarze auch den Kosenamen LBD trägt, für amerikanisch Little Black Dress.

Die Ausstellung und das gleichnamige Buch dazu zeigen, wie ansteckend Mode sein kann. Auf erhobenen Podesten an weißen Puppen sieht man nur die Ernte der letzten Jahre, vor den Podesten defilieren die lebensechten Damen der Stadt. Oben etwa schwarzer Satin, über einem knöchellangen, engen Rock zum Schößchen geschürzt, Prada 2012, unten vor dem Podest, drapiert auf einer eleganten Rechtsanwältin, ein durchbrochener Tellerrock zu zierlichen Pumps mit knöchelumspielender Federgarnitur von Givenchy, dem die Welt auch jenes Kleine Schwarze verdankt, das Audrey Hephurn zum Frühstück bei Tiffany vor der Kamera dreht, mit einem Rückendekolleté so tief, dass eine nach hinten lappende, vierreihige Perlenkette es nicht überdecken kann.

Schamlos klaffende Ausschnitte, noch kleinere Unterröcke

Schwarz wie Leder: Eine Interpretation von Prabal Gurung

Die Provokation des kleinen schwarzen Kleides liegt auf der Hand, sie besteht in einer unverschämten Spielaufforderung. Klein? Schwarz? Kleid? Das wollen wir doch mal sehen! Klein, schwarz, Kleid –  diese Parameter schreien danach, hintergangen zu werden.

Man sieht große Abendroben, deren Ausschnitte schamlos offen aufklaffen, und die hinten hoch geschlitzt sind (L'Wren Scott, 2004) oder vorne bis über die Knie hochgezogen sind (Stella McCartney, 2011). Oder so: John Galliano reduziert das kleine Kleid auf einen noch kleineren Unterrock, ein Slip Dress von 1994. Bei Pierre Cardin verwandelt es sich in einen dreistufigen Glockenrock, Seide und Papier, etwa 1960, was auch Cristóbal Balenciaga schon 1957 mit einem Babydoll-Hängerchen versucht hat, Spitze und Bordure, unter den Achseln festgezurrt.

Wer sagt, dass das Kleine Schwarz wirklich klein sein muss? Robe von Oscar de la Renta

Schwarz, schwarz, schwarz sind alle diese Kleider natürlich keineswegs. Der Reichtum von Schwarz wird voll ausgekostet, das matte Schwarz von Wollkrepe, das fahle Schwarz von Leder, der Glanz von schwarzem Satin, das rauchige Schwarz von Voile, das trauernde von Taffetta. Schwarzschattierungen entstehen durch Überlagerungen, durch Drapierung und Fältelung. Schwarz schreit geradezu danach, durchlöchert zu werden, zerfasert und zerschlissen, wozu das Schwarz von Spitzen, das Schwarz von Tüll sich anbietet, es gelingt Tom Ford, ein bodenlanges, in einen schleppenden Tellerrock auslaufendes Abendkleid aus schwarzer Chantilly-Spitze so eng auf den Körper zu schneidern, dass man mehr williges weißes Fleisch als dunkle Spitze sieht. Haut ist der Gegenspieler von Schwarz. Viele der ausgestellten Roben zeigen mehr Aussparung als Bedeckung, weniger Kleid als Zitate von Kleidern. Und wer hat gesagt, das Kleine Schwarze müsse ein Kleid sein? Das ultimative Kleine Schwarze ist vielleicht das wadenlange Herrenhemd aus Spitze, dass Tom Ford 2012 auf dem roten Teppich des Met in New York zeigte, über weißen Boxer Shorts, zu strass-besetzten Schnallenschuhen.

Und wen wundert es, dass das Kleine Schwarze auch nicht schwarz sein muss? Es beginnt mit einem grünen Zip, vorne gesetzt, von oben nach unten reichend, von Alexis Asplundh, 2012. Rit Watnick dekoriert für Lily et Cie einen maron-schillernden Federrock zu einem schwarzen Mieder, Oscar de la Renta drapiert Shades of Grey zu Wolkengebirgen. Natürlich kann schwarz im Ernstfall auch rot sein, will man Valentino folgen, sogar ein leuchtendes, strahlendes Rot, als Rock. Das Spiel ist offen. Alles geht.

Die Ausstellung Little Black Dress ist noch bis 22. September 2013 zu sehen im Mona Bismarck American Center in Paris.