Selbst wer Isabel Marant nicht kennt, hat wahrscheinlich irgendein Kleidungsstück im Schrank, das von ihrem Stil inspiriert ist. Oder sogar eine Kopie eines ihrer Designs ist. Keiner hat mehr It-Pieces entworfen als die französische Designerin. Ihre berühmten Sneakers mit Keilabsatz hat inzwischen jeder Billigschuhladen im Sortiment. Und 2009 trugen unzählige Frauen ihre knöchelhohen Wildlederstiefeletten mit kleinem Absatz. Boots camarguaises taufte Marant sie.

Die Designerin hat nicht nur einzelne Stücke geprägt, sondern auch viele Looks erfunden: die maskuline Anzugjacke überm Rüschenkleidchen, Skinny Jeans zu Schlabber-T-Shirts, Mikro-Pants zum XXL-Pullover, Jogginghose unterm Seidenblazer. Sie ist die Frau der Gegensätze – und alle machen mit.

Dabei wollte die 46-Jährige ursprünglich gar keine Mode machen. "Ich habe nie davon geträumt, eine große internationale Designerin zu werden," sagt sie. So unprätentiös, wie sie am Tag nach der großen Party anlässlich ihrer H&M-Kooperation wirkt, glaubt man ihr das sofort. Ungeschminkt, unausgeschlafen, mit wunderschönen Falten und wilden grauen Strähnen im Haar sitzt Marant unter dem Glasdach ihres Ateliers an der Place des Victoires. "Ich war ein ziemlich hässliches Kind," sagt sie. "Meinen hübschen Bruder fanden alle süß, dafür musste ich mich natürlich rächen." 

Also rebellierte Isabel, färbte sich die Haare rot und kleidete sich eigenwillig. Aus dem Haus ging sie mit bravem Twin-Set und einer Tüte, um sich schnell an der nächsten Häuserecke umzuziehen. "Ich sah aus wie Patty Smith mit meinem langen Pony, unter dem man nicht mal meine Augen sah. Manchmal haben sie mich von der Schule sogar wieder nach Hause geschickt."

So etwas passiert, wenn man in einem bourgeoisen Vorort wie Neuilly-Sur-Seine aufwächst, wo nur Reiche und Aristokraten wohnen. Marants Mutter ist Deutsche, kam aus München und arbeitete damals erfolgreich als Model. Nach der Trennung ihrer Eltern lebte Marant bei ihrem Vater und bekam vom Beruf der Mutter nicht viel mit. Ihre Stiefmutter trug nur Saint Laurent, teures Zeug, das sie zu Tode langweilte. Designerklamotten waren der damals Elfjährigen herzlich egal, ein abgetragenes Jackett von ihrem Vater tat es auch, daraus machte sie einfach etwas Neues. "Kleidung war für mich wie Therapie." Mit Mode hatte das nichts zu tun, es war einfach ein Mittel, um sich abzugrenzen. Hauptsache anders sein als alle anderen.