Sie war eine Schönheit, wie sie heute ein wenig aus der Mode gekommen ist. Ein Porträt von 1911 zeigt Alice Alleaume mit einem kräftigen Gesicht, das von einem Tuff dunkler Locken gekrönt wird, in dem eine helle Schleife steckt. Nachdenkliche, weit auseinander stehende Augen, Augenbrauen wie schwarze Flügel. Den Kopf hält sie ein wenig schräg, zusammen mit dem angedeuteten Lächeln könnte das zaghaft wirken, wäre da nicht die Haltung. Aufrecht, mit geradem Rücken steht sie da, die junge Frau, die linke Hand hinter den Körper gelegt, der von runden Schultern über die Brüste herunterkurvt zu einer atemberaubend schmalen Taille, um sich von dort aus generös zu den Hüften auszuwölben. Es ist die klassische Stundenglas-Silhouette, die Alice Alleaume hier gibt, komplett mit einer Hülle aus drapiertem weißen Seidenvoile.

Sinnlicher kann Stofflichkeit nicht sein als in diesem mattem Seidenvoile, das in schrägen Bahnen um die junge Frau geschlungen ist, raffiniert kontrastiert mit dem fedrig weißen Pelz einer überbordenden Stola. Voilà, die Chef Vendeuse der größten Couture-Häuser von Paris, Alice Alleaume (1881-1969)! Sie hat russische Prinzessinnen eingekleidet und den adeligen Ladys in London bei der Wahl ihrer Garderobe assistiert. Nun ist ihre eigene Garderobe im Musée Carnavalet in Paris ausgestellt. Ein Glücksfall für alle, bei denen Eleganz und Stil Entzücken auslöst.  

Große ausladende Roben, züchtige Tageskleider aus Kattun. Spitzengewirkte Strümpfe, Dessous in Apricot oder Nude, seidenbezogene Schuhe. Ein Hauspyjama im japanischen Schnitt, ein Straßenmantel im Stil eines Kaftan. Man sieht verschwenderisch mit pludrigen Straußenfedern geschmückte Wagenräderhüte und streng anliegende Paillettenhauben – es entfaltet sich, in der Garderobe einer einzigen Frau, ein halbes Jahrhundert der Modegeschichte. Man geht durch diesen herrlichen Renaissance-Palast und durchschreitet eine der aufregendsten Epochen der Pariser Mode, die noch im 19. Jahrhundert wurzelt und innerhalb von zwei, drei Jahrzehnten in der Moderne des 20. Jahrhundert aufgeht – bis zur Zäsur des großen Krieges. Roman d'une Garde-Robe haben die Kuratoren ihre ambitionierte Ausstellung genannt, einen Roman, den eine Garderobe erzählt. Es ist eine Geschichte von Weiblichkeit vor der Kulisse einer Stadt, in der sich entwickelt hat, was wir an Raffinement kennen oder vielleicht nur Schönheit nennen.

Porträt von Alice Alleaume im Jahr 1912 © Gérard Leyris

Schönheit hat heute natürlich einen schwierigen Stand, da auch die darstellende Kunst seit Langem einen großen Bogen um die Schönheit macht, die eine Vorstellung zu sein scheint, gefährlich infiziert von Gefälligkeit, Harmlosigkeit, ja einem Mangel an kritischer Distanz. Schönheit kommt für manche kurz vor Kitsch. Diese Ausstellung verrät, was diese Einstellung uns kostet, sie zeigt die Verluste, an Verschwendung und Sinnlichkeit, dem Entzücken am kleinsten Detail.

Die Taille wandert langsam nach unten

Alice war die Tochter von Adèle Joly, einer "Couturière an Robe" des Zweiten Kaiserreichs, und die kleine Schwester von Hortense, die als Erste Verkäuferin in den elegantesten Häusern der Stadt arbeitete. Etwa für Frederick Worth, der den europäischen Hochadel kleidete und ein großes Vorbild für Alice war. Sie ihrerseits arbeitete später für Madeleine Chéruit, die einen innovativen, mutigen Stil pflegte. Beide Häuser lagen in dem heiligen Bezirk der Modestadt Paris, an der Rue de la Paix, am Place Vendȏme. Soviel also braucht es, um diese Exquisität von Mode herzustellen, wie sie sich in dieser Garderobe von Alice zeigt, sie erwächst aus der Atmosphäre der familiären Begeisterung für Mode. Sie ist die Blüte einer langen Tradition von Haute Couture, die sich hier in unfehlbarer Eleganz zeigt, in einer spielerischen Offenheit für Neues, ohne dass sich je der Blick für klaren Stil verlieren würde.

Abendrobe "Walkyrie" von Lanvin (1935), goldenes Ensemble von Cheruit (1921/22), roséfarbenes Abendkleid aus Seidenmousselin (um 1900)

Die ersten Kleider aus diesem Fundus sind noch die züchtig geköpften Baumwoll-Gebilde, die den geschnürten Oberkörper eng umschließen und mit Tausenden Knöpfchen und Rüschen garnieren, um dann in Reifrock-verstärkten, voluminösen Glocken auszuufern. Dann lockert sich die Silhouette. Ein Kleid von Worth aus dem Jahr 1900 zeigt lose drapierten Samt in einem Rosenholz-Ton, dazu transparente Ärmel aus violettem Tüll. Die Taille wandert weiter nach unten, wird vielleicht nur noch angedeutet, in kleiner Drapierung über den Hüften, verschwindet dann ganz. Was bleibt, ist eine unglaubliche Opulenz des Materials. Silbrige Fäden schimmern in Seidenjacquard. Gestickte Päonien blühen in Mauve auf schwarzem Grund, umringt von Blättern, die mit türkisfarbenen Perlen umrundet sind. Pailletten verwandeln einen knittrigen Tüll in Fluten, die wie Wasser schimmern, auf denen sich das Licht spiegelt. Fische fluten durch grüne Seide. Jedes Kleid ist eine bis ins letzte Detail ausgeklügelte Inszenierung, von den Schuhen, die mit passendem Stoff überzogen sind, über Blumenbouqets, aufblühende Rosen, brave Veilchen, naturgetreu nachgebildete oder verwegene Fantasiebotanik, in Petrolblau getaucht. Nicht zu vergessen: die immer passenden Täschchen, die Handschuhe, die unzähligen Hüte.