Im Grunde findet man auf Männerköpfen eigentlich nur drei Frisuren: kurz, mittel oder lang. Dass die Kurz- und Mittellanghaarigen das vorherrschende, tendenziell langweilige Bild der Herrenfrisur prägen, mag männlichem Pragmatismus geschuldet sein. Die wenigen Langhaarigen ließen ihre Mähne im starken Kontrast dazu bislang offen wehen oder gaben den feinfühligen Mann mit Pferdeschwanz. Dazu zählen heute allerdings fast ausschließlich Liegeradfahrer mit einer Vorliebe für Grungemusik der Neunziger.

Nun hat sich in den vergangenen Jahren schleichend eine neue Männerhaarmode etabliert, vornehmlich in städtischen Ballungsgebieten: der Herrendutt. Am Tresen, auf Konzertbühnen, im Supermarkt und auf Laufstegen sah man 2013 Männer mit einem Haarknoten am Hinterkopf. Aber was hat das zu bedeuten?   

Zu Beginn des vergangenen Jahres entdeckte die New York Times in New Yorks Künstlervierteln Williamsburg und Bushwick erstmals den "Man Bun", also Männerdutt, auf der Straße. Nun ist er auch in Europas Metropolen angekommen, wo man munkelt, damit sei die letzte weibliche Schönheitsbastion gefallen. Was insofern nicht stimmt, da sich selbst in Berlin-Mitte noch kein Laden auf Herrenleggings spezialisiert hat. 

Ein Knoten voller Natürlichkeit und Spontaneität

Beim Herrendutt handelt es sich weniger um einen exzellent frisierten, neoklassizistischen Chignon, wie man ihn etwa von Primaballerinen kennt, sondern vielmehr um eine Art Knuddeldutt, der lose zusammengebunden dem Hinterkopf aufsitzt. Dass sich dabei einige Strähnen lösen und andere unartig übereinander fallen, ist gewollt. Darin zeigt sich eine gewisse Lässigkeit, und wiederum Pragmatismus. Denn wie Duttträgerinnen schon lange wissen, ist diese Frisur vor allem unschlagbar praktisch. Keine Locke im Gesicht, keine Haare im Essen, und man sieht auf der Straße, wohin man tritt. Alles von Vorteil.   

Bei jungen Frauen hatten sich bereits verschiedene Dutt-Tendenzen herausgebildet. Vom unteren Hinterkopf wanderte der Knoten in Richtung Oberkopf, von kugelrund morphte er sich hin zu eierwärmeroval, und statt der Fräulein-Rottenmeier-Strenge etablierte sich schließlich das schnell aufgeplüschte Haarnest, eine weibliche Replik auf den männlichen Out-of-Bed-Look der Nullerjahre. Ein Knoten voller Natürlichkeit und Spontaneität – Fönwelle war vorvorgestern.

Die stärksten Männer der Welt tragen Dutt

Beim Mann hingegen impliziert der neue Undone-Look eher etwas Exotisches und eine archaisch-männliche Wildheit, die im Zuge der Unisexisierung gängiger Modeprinzipien immer mehr zu schwinden droht. Gleichsam soll der Knuddeldutt eine gewisse Uneitelkeit suggerieren. Männer wie Jared Leto, Colin Farrell, Orlando Bloom oder Jake Gyllenhaal nutzten diese Symbolkraft des Dutts, um auf dem Roten Teppich eine nonchalante Nachlässigkeit ihrem Aussehen gegenüber zu signalisieren. Diese ist dem Duttträger aber natürlich nicht wirklich zu eigen, denn sonst trüge er ja keinen Dutt.  

Geflochten, gezwirbelt oder gewunden, die Geschichte des Männerdutts reicht bis ins antike Griechenland zurück, wo sich vor allem Athener Großbürger mit dieser Frisur schmückten. Die Krieger des germanischen Stammes der Sueben flochten sich einen hochgetürmten Haarknoten, meist an die Seite des Kopfes, um im Kampf größer zu wirken. Und auch zur Ausstattung eines Samurais gehörte ein gepflegter Herrendutt, wovon nur der Sunnyboy Tom Cruise als Last Samurai nichts wissen wollte. Bei den indischen Sikhs tragen junge Männer ihre langen Haare in einer Patka, eine Art Duttmütze, bevor sie eines Turbans würdig sind. Und selbst die stärksten Männer der Welt, japanische Sumoringer, gehen nicht ohne Topknot auf die Matte.  

Männer, die sich den Dutt zutrauen, wollen weder metrosexuell noch hippieesk wirken. Sie sind moderne Großstadt-Häuptlinge, die gern einen lässigen Anzug zur verwegenen Frisur tragen. Haare, so weiß man es, seit Delilah dem verliebten Samson nach einem Schäferstündchen das Haupt schor, stehen in der allgemeinmythischen Wahrnehmung für Kraft. So ist der Dutt als Gegensatz zur offenen Mähne zugleich sublimes Understatement und Kampfansage. Der neue Mann mit prächtigem Vollbart und Dutt ist ein Krieger gegen die Uniformität des Bitte-nur-Nachschneidens und ein Befreier. Die Vorherrschaft der Frauen über den Dutt ist Geschichte!

Wer den Herrendutt jetzt immer noch unmännlich findet – nun, das ist reine Kopfsache.