Die Scheinwerfer sind aus. Dort, wo in den vergangenen Tagen perfekt gestylte Models über die Laufstege stolzierten und Hunderte Kollektionen auf teils spektakulär inszenierten Messeständen der Modepresse, Bloggern und Händlern präsentiert wurden, schieben sich nur noch die Gabelstapler hin und her. Die Modewoche ist vorbei. Wie immer und doch ganz anders steht jetzt die Frage im Raum: Was bringt die nächste Saison?

Denn Anfang Dezember erreichte die Berliner Modewelt ein offener Brief wie ein Paukenschlag. Verschickt hatte ihn Karl-Heinz Müller, Chef der Messe Bread & Butter. "It’s time for a change", waren die Worte, die der Macher der weltweit wichtigsten Messe für Street- und Urbanwear als Einstieg wählte, um dann lang und ausführlich und nicht ohne Pathos zu erklären, warum er seine Veranstaltung ab kommenden Sommer für jeden zugänglich machen wird.

Die Tragweite dieser Ankündigung erklärt sich nicht auf Anhieb. Messen mit Publikumstagen sind in anderen Branchen längst etabliert, die Frankfurter Buchmesse und die Internationale Funkausstellung bitten auch den Endverbraucher in ihre Hallen. In der Mode aber war der Konsument bislang schlichtweg unerwünscht, ob auf Messen oder bei Schauen. Zu groß war die Angst vor Kopisten. Auch werden hier dem Handel ja jene Kollektionen präsentiert, die erst in der übernächsten Saison in den Geschäften hängen. Zu kaufen aber gibt es nichts.

Nun will Karl-Heinz Müller seine Bread & Butter in ein Festival für jeden verwandeln, eine Art Woodstock der Mode, mit Bühnen, Konzerten und viel Tamtam. Die Trendsetter sollen kommen, die Fashion Victims und Denim Nerds. Aus der ganzen Welt lädt Müller alle Modeinteressierten nach Berlin ein, damit sie schon ein Jahr im Voraus erfahren, worauf im kommenden Winter gespart werden muss, damit sie Inspirationen sammeln und die obligatorischen Goodie Bags. Nebenbei sollen der Bankangestellte und die Bäckerin Konzerte hören, Cocktails schlürfen, ihresgleichen treffen. 25 Euro wird ein Ticket kosten, die Bread & Butter dafür um zwei Publikumstage verlängert.

Die Partys ausschweifend, die Promis zahlreich

Aber gibt es eine so modeinteressierte Masse überhaupt, wie man sie bräuchte, um auf dem gigantischen ehemaligen Flughafenareal eine Festivalatmosphäre zu kreieren? Viele Aussteller sind skeptisch. Müller nicht. "Die Sache ist doch ganz einfach: Wenn etwas attraktiv ist, kann man sehr viele Menschen anziehen. Wenn etwas langweilig ist, nicht. Von nun an wird es nicht nur darum gehen, was wir von der Bread & Butter alles bieten, sondern auch darum, was die Marken bieten", sagt der Messemacher.

Das Risiko, das Müller mit diesem Schritt eingeht, ist groß. Das passt zu ihm. Seit er 2001 die Bread & Butter ins Leben rief, gilt er als Querdenker. Damals startete die Veranstaltung als improvisierte Plattform für ein paar Marken, die sich etwas anderes für die Präsentation ihrer Mode wünschten, als das, was die recht angestaubten Düsseldorfer Messen Interjeans oder Igedo boten. Die Bread & Butter war eine Gegenbewegung. Hauptsache anders sein, überraschen, so lautete damals das Credo von Müller und seinen Partnern. Ein Erfolgsrezept, die Messe wuchs und wuchs, sie zog zwischendurch nach Barcelona und erregte 2009 viel Aufmerksamkeit, als sie als erster Mieter der Flughafen-Hangars von Tempelhof auch die Zukunft des Gebäudes bestimmte. Die Musik war immer laut, die Partys ausschweifend, die Promis zahlreich. Modegeschäft als Spektakel.

All das gibt es noch immer, doch die Zeiten, in denen die Messe knapp 100.000 Besucher in drei Tagen zählen konnte, sind vorbei. Schon lange ist die Rede davon, dass Karl-Heinz Müller Probleme hat, dass er mit dem Rücken zur Wand steht. In dieser Woche wurden zwei Hangars weniger gefüllt als noch im vergangenen Juli. Für viele langjährige Weggefährten der Bread & Butter ist die Plattform verzichtbar geworden. Die großen Aussteller von einst, wie Nike, Tommy Hilfiger, G-Star oder Diesel, kommen nicht mehr.