ZEIT ONLINE: Frau Mayer, seit Februar erscheint unter Ihrer Führung eine deutsche Ausgabe des internationalen Hochglanzheftes Harper's Bazaar. Lagen in den Kioskregalen nicht vorher schon genug schwere Modemagazine? 

Margit J. Mayer: Es stimmt schon, der Modemagazinmarkt ist übervoll. Nur ein bestimmtes Segment nicht, nämlich das ganz oben. Damit ist nicht gemeint, ein Heft zu machen, das Dinge für Menschen zeigt, die viel Geld haben. Heute zeigt ja jeder Modeblog Handtaschen für 6.000 Euro. Es geht um die Frage, ob man selbst ein Kraftzentrum in diesem Modesystem ist oder nur ein Konsument, der Trends weitergibt.                               

ZEIT ONLINE: Aber wie passt der Anspruch, Mode mitzugestalten, zu den vielen Produktseiten? Die zeigen ja lediglich, was schon da ist.

Mayer: Das ist eine der Schwierigkeiten in Deutschland, dass es hier nach wie vor heißt: Die sind ja abhängig von den Anzeigen. Da sehen wir, dass das Modeverständnis noch ein wenig unreif ist. Das Modesystem wird nicht ernst genommen, weil es ein weibliches System ist.

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Mayer: Ich will das nicht erklären, ich bin ja keine Historikerin, ich habe Kunstgeschichte studiert. Aber mir fällt auf, dass die Haltung zu Mode hier nach wie vor sehr protestantisch geprägt ist. Dem Weiblichen wird eine bestimmte Rolle zugeordnet, die ganz klar eine dienende ist. Das ist natürlich in der Katholischen Kirche auch so, aber trotzdem ist die im Gegensatz zur Protestantischen der Schönheit und dem sogenannten Überflüssigen viel eher zugewandt, auch weil sie gelernt hat, wie wichtig Schönheit ist, um Macht durchzusetzen.

ZEIT ONLINE: Aber hat Mode heute wirklich noch dieses Potenzial?

Mayer: Ich sehe Mode als etwas, das sehr nützlich ist. Wenn ich mir kunstgeschichtlich anschaue, wie Kleidung eingesetzt wurde: beinhart als Machtinstrument. Schon am spanischen Hof war man ganz in Schwarz gekleidet und hatte nur an den Handgelenken und am Hals etwas weißen Stoff. So verstecke ich den Körper und betone die Bereiche, von denen Macht ausgeht: die Hände, besonders in Zeiten, in denen man einen Degen oder ein Schwert trug. Und das Gesicht, in dem sich die Stimmung ausdrückt. Das lebte später in Uniformen fort, heute haben wir den schwarzen Anzug.

ZEIT ONLINE: In der Februar-Ausgabe Ihres Hefts berichtet eine Kuratorin davon, wie sie sich mithilfe eines harten, klaren Kurzhaarschnitts mehr Respekt im Job verschaffte und schließlich in eine Führungsposition kam. Das ist so eine Geschichte von Mode und Macht.

Mayer: In dieser Geschichte haben wir uns gefragt, ob wir das so offenlegen sollen, ob das nicht zu psychologisierend ist für ein hochwertiges Modeheft. Ich glaube aber, Bazaar in Deutschland, wo grundsätzlich ein sehr intellektuelles Kulturverständnis herrscht, kann sich das erlauben.