Die Pariser Haute-Couture-Schauen sind das Establishment der Mode: Wer hier seine Entwürfe zeigen darf, hat es in den innersten Zirkel der Branche geschafft. Nur ganz wenigen Modeschöpfern gewährt der Pariser Modeverband Chambre Syndicale, verantwortlich für die Modewochen in der Stadt, einen Platz in der Haute Couture.

Der erstaunlichste Neuling im Kreise der hohen Schneiderkünstler ist der 31-jährige Rad Hourani. "Wenn man Haute Couture macht, befindet man sich im Zentrum des Modebetriebs", sagt Hourani. "Dabei interessiert mich Mode nicht. Und auch Trends interessieren mich nicht." Ungewöhnliche Worte für einen Modedesigner. Was dann? "Mich interessiert eine bestimmte Ästhetik." Und die ist ganz anders als das, wofür die Haute Couture berühmt ist.

Statt aufwändiger Abendkleider und großen Roben zeigt Hourani extrem reduzierte, geometrische Schnitte, klare Linien und glatte Materialien. Noch ungewöhnlicher aber ist, dass es bei seinen Shows keinen Unterschied zwischen der Kleidung der männlichen und jener der weiblichen Models gibt. In einer Branche, die darauf ausgerichtet ist, das Weibliche zu ornamentieren und das Männliche zu funktionalisieren, will Hourani alle Geschlechter-Codes aushebeln und bringt so den Postgender-Diskurs auf den Laufsteg.

Der Modedesigner Rad Hourani © Victor Boyko/Getty Images for I.T. Limited

Hourani, 1982 in Jordanien geboren und seit seinem 16. Lebensjahr in Kanada aufgewachsen, stellt das Thema Unisex ins Zentrum seiner Designs. "Ich habe nie verstanden, wer entscheidet, dass ein Mann sich auf eine bestimmte Weise anziehen muss und eine Frau auf eine andere Weise", sagt er. Sein schmaler Körper steckt in den eigenen Designs: schmale Hose, kantige Jacke, halbhohe Absätze. "Männlich und weiblich sind Kategorien, die für mich keinen Sinn ergeben", sagt er am Rande einer Ausstellung seiner Entwürfe der vergangenen fünf Jahre, die der Berliner Conceptstore Oukan derzeit zeigt.    

"In der Männerabteilung waren mir die Sachen zu groß"

Obwohl Hourani mit seiner Outsiderrolle kokettiert, hat er auf seinem Weg in die Mode keine großen Umwege gemacht: Nach der Highschool arbeitete er als Modelscout in Montreal, einige Jahre später ging er als Stylist nach Paris. Die Idee, eine eigene Kollektion zu entwerfen, ist das Ergebnis frustrierender Einkaufserlebnisse. "Ich habe nie genau das gefunden, was ich suchte. In der Männerabteilung waren mir die Sachen zu groß oder die Materialen gefielen mir nicht. Dafür waren die aus der Frauenabteilung zu kurz, zu kurvig." Hourani dagegen wollte Kleider, die nicht von Kategorien bestimmt sind: Weder Trends, noch das Geschlecht oder das Alter des Trägers sollten ihr Aussehen beeinflussen. 

Entwürfe aus der Haute-Couture-Kollektion für den Sommer 2014 von Rad Hourani © Tim Grenard

Es folgte eine lange Phase des Experimentierens: Er vermaß Männer und Frauen – meist mussten seine Freunde als Versuchspersonen herhalten –, Menschen unterschiedlicher Größen und Körperformen. "Ich habe ein Jahr lang gebraucht, um zu verstehen, wie männliche und weibliche Körper funktionieren", sagt Hourani, "wie sie sich bewegen, welche Stellen sie betonen und welche sie verdecken wollen." Die Maße der unterschiedlichen Körpertypen wurden zu einem einzigen Unisex-Schnittmuster verarbeitet, das seit sieben Jahren die Grundlage von Houranis Designs ist. 

Die Mode und ihre Erscheinungen definieren das Bild der Geschlechter noch immer nach sehr traditionellen Mustern. Sie geben vor, in welche Formen ein Frauenkörper zu kleiden ist und wie man die Attribute des Männlichen betont. Immer wieder wurde aber auch der Wandel der Geschlechterrollen in der Mode zum Thema: Coco Chanel befreite die Frau aus dem Korsett, indem sie die weibliche Garderobe mit lockeren Schnitten und burschikosen Konturen revolutionierte und Yves Saint Laurent verhalf den Frauen schließlich noch in den Anzug.