Dieser Kompromiss ist aber kein anständiger oder gerechter Kompromiss. Er benachteiligt die Partei, deren biologische Uhr lauter tickt. Eine Frau darauf festzulegen, was sie einmal zugesagt hat, ihr nur die Wahl zu lassen zwischen dem Eingeständnis von Wankelmut oder dem Verzicht auf Selbstverwirklichung, ist lieblos, auch wenn es korrekt sein mag.

Ein Leser fragte mich: "Ist die Würde eines Mannes nichts mehr wert? Dürfen Männer nicht mehr über ihr Leben entscheiden? Warum dürfen Frauen entscheiden?" Dürfen Frauen einfach selbst entscheiden? Über das Leben eines Kindes und das Leben eines Mannes? Einfach ist das nicht, würde ich sagen, für keinen der Beteiligten. Die Entscheidung geht auch nicht primär über das Leben eines Kindes. Ob ein Ei befruchtet wird, ob daraus ein Kind entsteht, das ist ein sehr komplexes Geschehen, in dem viele Faktoren zusammenfinden und zusammenstimmen müssen. Es scheitert öfter, als modernen Paaren lieb ist, wie die wachsende Nutzung der Fertilitätsmedizin erweist.

Entscheidet der Mann, der einer Frau ihren Kinderwunsch verweigert, nicht ebenso über ihr Leben wie sie über das seine, wenn sie ohne sein Wissen die Pille weglässt? Der eine Versuch, den Partner zu unterwerfen, ist offen; der andere verborgen. Aber macht das den ersten harmlos und gerecht, den zweiten bösartig und heimtückisch? Keinesfalls kann ich meinem moralischen Empfinden die Überzeugung abringen, dass ein Mann, der durch die Drohung, sie zu verlassen, eine Frau zur Abtreibung zwingt, harmloser ist als eine Frau, die ihn über ihre Fruchtbarkeit täuscht und ihm eine Vaterschaft aufnötigt.

Ich bin, wie gesagt, kein Moralist. In dem zweiten Einwand, der vom Kind auszugehen behauptet, scheint die psychologische Expertise eher gefragt. Freilich wird auch hier vom gekränkten Narzissmus des in die Vaterschaft betrogenen Mannes wie von einer Naturmacht gesprochen, vergleichbar dem überwältigenden Geschehen von Schwangerschaft und Geburt. Ich kann nicht leugnen, dass es diese Naturmacht gibt; ich bin ihr selbst oft genug begegnet. Die Schwäche aller Einwände angesichts einer derartigen Kränkung in Liebeserwartungen spiegelt sich in einer therapeutischen Ohnmacht, eine so zerfallene Beziehung zu kitten.

Allerdings wäre es unsinnig, ein Paar, das sich über die Schwangerschaft einig ist, als Garanten hinzustellen, dass hier die Vaterschaft verantwortungsbewusst angenommen wird. Ich kenne keine brauchbare Statistik, welche das Schicksal der aufgezwungenen Vaterschaft mit dem der frei gewählten vergleicht, wohl aber einzelne Beobachtungen und die allgemeine, statistisch ausgezeichnet belegte Erfahrung, dass Ehen an keinem Ereignis öfter zerbrechen als gerade an dieser in gemeinsamer Entscheidung  – sollten wir nicht lieber sagen: in gemeinsamer Illusion? – riskierten Schwangerschaft.

Auch ich bin, wie viele Kriegskinder, vaterlos aufgewachsen. Ich kann nicht behaupten, frei von seelischen Problemen zu sein, bin aber damit der Gesellschaft nicht zur Last gefallen. Ein Leser schrieb mir: "Das Kind wird ohne Vater aufwachsen, mit dem Wissen, dass es nicht gewollt war. Eine Bürde, die niemand tragen möchte. Hoffentlich wird das Kind später für andere Kinder, Mitschüler, für sein Umfeld nicht selbst zur Belastung."

Hier greift die Kränkung zur Prophetie und übertreibt, wie das Propheten so an sich haben. Sicherlich ist es schöner für ein Kind, mit zwei Eltern aufzuwachsen, die in Liebe verbunden bleiben. Aber niemand konnte bisher nachweisen, dass Kinder geschädigt sind, wenn sie nur eine erwachsene Bezugsperson haben; es kommt darauf an, wie zufrieden diese Person mit sich und mit ihrem Leben ist. Eine Mutter, die trickst, um schwanger zu werden, macht sich weniger Illusionen über Liebe und verlässliche Bindungen. Wenn es ihr nicht gelingt, durch das Kind die Beziehung zu dessen Vater zu festigen, wird sie wohl nicht schlechter als von Streitehen und Rosenkriegen zermürbte Mütter und Väter ihrem Kind den Halt geben können, den dieses braucht.